Kurz gefasst
Im November 2025 habe ich bei TEDxGraz über Neuroinklusion gesprochen: 15 Minuten, 100 Menschen und ein Gehirn mit ADHS, das gern abschweift.
Der Artikel erzählt, wie ich mich vorbereitet habe, was auf der Bühne passiert ist und wie sich die Leere danach angefühlt hat – und was Speaker:innen mit ADHS und Unternehmen daraus mitnehmen können.
Die Szene: Ein roter Punkt auf dem Boden
Ein roter Punkt auf dem Bühnenboden markiert, wo ich stehen soll. Vor mir sitzen 100 Menschen in Graz, ich habe 15 Minuten. Und ein Gehirn, das für „Was ist denn da drüben?“ gebaut ist.
Das war mein TEDx Talk „Neuroinklusion: Der Business Case für die Zukunft der Arbeit“ am 19. November 2025 bei TEDxGraz. In dieser Podcast-Folge erzähle ich, wie es hinter den Kulissen war. Der Artikel geht die vier Akte durch: Vorbereitung, Auftritt, das Danach und die Botschaft an Unternehmen.
Akt 1: Die Vorbereitung – ein Plan für ein ADHS-Gehirn
Der innere Kritiker
Mein erster Gegner saß im eigenen Kopf: die Stimme, die sagt „Du bleibst stecken, und alle sehen es“. Erwachsene mit ADHS haben im Schnitt weniger Selbstmitgefühl und nehmen mehr Kritik wahr als andere, das ergab eine Online-Befragung von 1.203 Personen (Beaton et al., 2020). Überrascht hat mich die Stimme also nicht.
Ich habe aufgehört, gegen sie anzureden, und ihr zugehört: Sie will, dass ich gut bin. Danke, notiert.
Das klingt esoterischer, als es ist. In einem Experiment mit 202 Personen, die eine Stegreifrede halten mussten, stieg der Puls etwas stärker, wenn sie ihre Angst unterdrücken sollten, als wenn sie sie akzeptierten oder umdeuteten (Hofmann et al., 2009).
Merktechnik: Kernideen merken, den Wortlaut loslassen
Ein Skript Wort für Wort auswendig zu lernen, wäre für mich der falsche Weg gewesen. Wer am Wortlaut hängt, muss auf der Bühne ständig abgleichen, ob der nächste Satz stimmt. So erkläre ich es mir jedenfalls, denn das Im-Kopf-Halten fällt bei ADHS im Schnitt schwerer (Alderson et al., 2013).
Ich habe mit einer Gliederung gearbeitet: pro Abschnitt eine Kernidee und ein emotionaler Anker, etwa die Stelle, an der das Publikum lacht. Den genauen Wortlaut durfte ich vergessen. Das passt zu dem, was die Gedächtnisforschung seit Langem weiß: Der genaue Wortlaut eines gehörten Textes verblasst schnell, die Bedeutung hält sich deutlich besser (Sachs, 1967).
Geprobt habe ich unter echten Bedingungen: auf einer Bühne, mit Projektor und mit Freund:innen als Publikum. Auch der TEDx-Leitfaden für Veranstalter:innen empfiehlt eine Generalprobe in möglichst realer Umgebung (TEDx Organizer Guide).
Den Körper vorbereiten
Oft liest man, ein ADHS-Gehirn schütte unter Druck mehr Cortisol aus. Die Daten stützen das nicht. Eine Metaanalyse über zwölf Studien fand keinen Zusammenhang zwischen ADHS und der Cortisol-Reaktion (Kamradt et al., 2018). In einer Studie mit 96 Erwachsenen mit ADHS war die Cortisol-Antwort auf einen Stresstest normal, der empfundene Stress aber deutlich höher (Corominas-Roso et al., 2015).
Gegen das Empfinden hilft mir Bewegung. Meine Strategie: in der halben Stunde vor dem Talk bewegen – ein schneller Spaziergang, Treppen, Dehnen. Einen Hinweis, dass Bewegung vor einer Aufgabe hilft, gibt eine kleine Studie mit Erwachsenen mit ADHS: Nach 30 Minuten moderatem Radfahren reagierten sie in einer Aufmerksamkeitsaufgabe schneller (Mehren et al., 2019).
Akt 2: Der Auftritt – zwischen Hyperfokus und Lampenfieber
Die ersten 30 Sekunden
Auf der Bühne ist etwas passiert, das ich vom Schreibtisch kenne: Hyperfokus. Die Situation war neu und wichtig – die Mischung, bei der mein Gehirn anspringt. Die ersten 30 Sekunden war ich fokussiert, der innere Kritiker still.
Menschen mit stärkerer ADHS-Symptomatik berichten häufiger von solchen Phasen (Hupfeld et al., 2019). Dass Bühnendruck sie auslöst, ist meine Erfahrung. Studien dazu kenne ich nicht.
Momente der Verbindung: Sprechen statt Präsentieren
Perfekt war der Talk nicht. Ich bin an manchen Stellen langsamer geworden, habe ins Publikum geschaut und Pausen gelassen. Genau diese Stellen haben getragen.
Wer den Wortlaut losgelassen hat, kann auf den Raum reagieren. Für mich war das der Vorteil der Gliederung gegenüber dem Skript.
Der rote Punkt als Anker
Der rote Punkt war für mich mehr als eine Markierung. Viele Blicke im Publikum können ablenken. Wenn meine Aufmerksamkeit wegdriftete, holte mich die Frage „Wo stehe ich?“ zurück: hier.
Ob solche sichtbaren Anker bei ADHS generell helfen, ist nicht untersucht. Bei mir hat es funktioniert.
Akt 3: Das Danach – Applaus, Leere und der Dopamin-Kater
Der Talk ist vorbei, das Publikum applaudiert, ich gehe von der Bühne. Und dann kommt nichts. Ein merkwürdiges Gefühl von Leere.
Das emotionale Loch
Ich war weder glücklich noch erschöpft. Leer, und ein bisschen traurig. Ich nenne das meinen Dopamin-Kater.
Der Begriff ist ein Bild. Gemessen hat einen solchen Dopamin-Abfall nach Auftritten niemand, und dass das Tief bei ADHS stärker ausfällt, ist auch nicht belegt. Ähnliches wird aus dem Spitzensport berichtet: Einen Monat nach Olympischen Spielen berichteten 27 Prozent von 49 dänischen Athlet:innen von unterdurchschnittlichem Wohlbefinden oder mittelgradigen bis schweren depressiven Symptomen (Diment et al., 2023).
Wie du durch diese Phase kommst
In so einem Tief liegen ein paar Reaktionen nahe, die es schlimmer machen:
- sich sofort in die nächste Aufgabe stürzen
- den Auftritt in Gedanken zerlegen und nur die Fehler sehen
- mit Essen oder Alkohol nachhelfen
- an allem zweifeln, was man gerade geleistet hat
Ich habe die Leere stehen lassen, war mit Freund:innen unterwegs und habe einfache, angenehme Dinge gemacht. Mein Gehirn hat Zeit bekommen.
Was bleibt: Stolz
Ein paar Tage später kam Stolz. Ich bin mit meinem ADHS auf diese Bühne gegangen und habe es gemacht. Das ist mehr als ein Punkt im Lebenslauf – es widerlegt die innere Erzählung, für so etwas nicht gemacht zu sein.
Akt 4: Was die Business-Welt verstehen muss – Neuroinklusion und Future Skills
Die Botschaft des Talks
Mein Talk war keine Geschichte über persönliche Überwindung. Die These: Unternehmen jagen teuer nach Future Skills, während genau diese Fähigkeiten in ihren eigenen Teams verkümmern.
Zu den Kompetenzen, die Arbeitgeber laut World Economic Forum am stärksten nachfragen, gehören analytisches und kreatives Denken sowie Flexibilität (World Economic Forum, 2025). Neurodivergente Menschen haben oft ein Profil mit ausgeprägten Stärken neben ausgeprägten Schwierigkeiten (Doyle, 2020). Wer nur die Schwierigkeiten verwaltet, bezahlt für die Stärken, ohne sie zu bekommen.
Für dich als Führungskraft heißt das: Rechne durch, was es kostet, diese Fähigkeiten im eigenen Team zu übersehen.
Neuroinklusion oder Neurodiversity-Theater
Theater ist die Initiative mit Logo, nach der sich im Arbeitsalltag nichts ändert. Neuroinklusion verändert Abläufe: wie Aufgaben vergeben und wie Meetings geführt werden.
| Aspekt | Neurodiversity-Theater | Neuroinklusion |
|---|---|---|
| Haltung | „Das ist gerade Trend“ | „Das ist Teil unserer Strategie“ |
| Struktur | bleibt, wie sie ist | Abläufe werden angepasst |
| Ergebnis | Signale nach außen | Veränderungen, die sich im Team überprüfen lassen |
| Dauer | ein Projekt | dauerhaft |
Unternehmen, die so vorgehen, berichten von Gewinnen bei Produktivität und Innovation (Austin & Pisano, 2017). Das sind Fallberichte aus der Praxis, begutachtete Wirkungsstudien gibt es bisher nur sehr wenige.
Was du mitnimmst: Für Speaker:innen und für Organisationen
Wenn du mit ADHS auf eine Bühne gehst:
- Arbeite mit Kernideen und emotionalen Ankern, den Wortlaut kannst du loslassen.
- Hör dem inneren Kritiker zu und geh trotzdem raus.
- Probe unter echten Bedingungen.
- Beweg dich in der halben Stunde davor.
- Rechne mit dem Tief danach und halte dir die Tage nach dem Auftritt frei.
Wenn du in einer Organisation Verantwortung trägst:
- Finde heraus, welche Fähigkeiten dein Unternehmen in den nächsten Jahren braucht und wer im Team sie schon hat.
- Ändere Abläufe. Eine Initiative ohne veränderte Abläufe bleibt Theater.
- Frag neurodivergente Mitarbeitende, was sie brauchen, um ihre Stärken einzusetzen.
Die Botschaft
Neuroinklusion ist eine Geschäftsentscheidung. Das war die Botschaft auf der Bühne, und die Vorbereitung darauf war der Praxistest: Mit einer Struktur, die zu meinem Gehirn passt, ging es.
Den Talk kannst du hier ansehen: Neuroinklusion: Der Business Case für die Zukunft der Arbeit.
Quellen
- Alderson, R. M., Kasper, L. J., Hudec, K. L. & Patros, C. H. G. (2013). Attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD) and working memory in adults: A meta-analytic review. Neuropsychology, 27(3), 287–302. https://doi.org/10.1037/a0032371
- Austin, R. D. & Pisano, G. P. (2017). Neurodiversity as a Competitive Advantage. Harvard Business Review, Mai–Juni 2017. hbr.org
- Beaton, D. M., Sirois, F. & Milne, E. (2020). Self-compassion and Perceived Criticism in Adults with Attention Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD). Mindfulness, 11(11), 2506–2518. https://doi.org/10.1007/s12671-020-01464-w
- Corominas-Roso, M., Palomar, G., Ferrer, R., Real, A., Nogueira, M., Corrales, M. et al. (2015). Cortisol Response to Stress in Adults with Attention Deficit Hyperactivity Disorder. International Journal of Neuropsychopharmacology, 18(9), pyv027. https://doi.org/10.1093/ijnp/pyv027
- Diment, G. M., Due Stagis, N. & Küttel, A. (2023). What is this thing called “Post-Olympic Blues”? An Exploratory Study Among Danish Olympic Athletes. Scandinavian Journal of Sport and Exercise Psychology, 5, 21–30. https://doi.org/10.7146/sjsep.v5i.134527
- Doyle, N. (2020). Neurodiversity at work: a biopsychosocial model and the impact on working adults. British Medical Bulletin, 135(1), 108–125. https://doi.org/10.1093/bmb/ldaa021
- Hofmann, S. G., Heering, S., Sawyer, A. T. & Asnaani, A. (2009). How to handle anxiety: The effects of reappraisal, acceptance, and suppression strategies on anxious arousal. Behaviour Research and Therapy, 47(5), 389–394. https://doi.org/10.1016/j.brat.2009.02.010
- Hupfeld, K. E., Abagis, T. R. & Shah, P. (2019). Living “in the zone”: hyperfocus in adult ADHD. ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders, 11(2), 191–208. https://doi.org/10.1007/s12402-018-0272-y
- Kamradt, J. M., Momany, A. M. & Nikolas, M. A. (2018). A meta-analytic review of the association between cortisol reactivity in response to a stressor and attention-deficit hyperactivity disorder. ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders, 10(2), 99–111. https://doi.org/10.1007/s12402-017-0238-5
- Mehren, A., Özyurt, J., Lam, A. P., Brandes, M., Müller, H. H. O., Thiel, C. M. et al. (2019). Acute Effects of Aerobic Exercise on Executive Function and Attention in Adult Patients With ADHD. Frontiers in Psychiatry, 10, 132. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2019.00132
- Sachs, J. S. (1967). Recognition memory for syntactic and semantic aspects of connected discourse. Perception & Psychophysics, 2(9), 437–442. https://doi.org/10.3758/BF03208784
- Simstich, J. (2025). Neuroinklusion: Der Business Case für die Zukunft der Arbeit. TEDxGraz, 19. November 2025. youtube.com
- TED Conferences (o. J.). TEDx Organizer Guide: Prepare speakers and program. ted.com
- World Economic Forum (2025). The Future of Jobs Report 2025. weforum.org
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