Kurz gefasst
Exekutive Funktionen bei ADHS lassen sich im Alltag üben, über klare Routinen und Gewohnheiten. Das Elterntraining POET setzt dort an: Nach acht Sitzungen kamen Kinder mit ADHS-Symptomen besser durch ihre täglichen Abläufe (Frisch et al., 2023).
Hier stehen sieben Schritte für Eltern, angelehnt an POET, und fünf Ideen für Erwachsene mit ADHS.
Angenommen, es ist kurz nach sieben. Dein Kind sitzt mit einem Socken auf der Treppe, und du hast schon viermal „Schuhe anziehen“ gesagt. In zehn Minuten müsst ihr los.
Was hier hakt, sind die exekutiven Funktionen: planen, anfangen, dranbleiben, Impulse bremsen. Das Übungsfeld ist der Alltag: Gewohnheiten, die jeden Tag gleich ablaufen.
ADHS ist erblich. Hast du selbst ADHS, ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass auch dein Kind ADHS hat. Elterntrainings sind sonst kein Schwerpunkt von Hirnzigartig. Dieses hier bekommt trotzdem Platz, weil es Eltern klare Handgriffe mitgibt (Frisch et al., 2023).
Was hat die Studie zum Elterntraining POET untersucht?
POET steht für Parental Occupational Executive Training. Trainiert werden die Eltern, in acht wöchentlichen Sitzungen (Frisch et al., 2023). Teilgenommen haben die Eltern von 72 Kindern. Die Kinder waren knapp vier bis sieben Jahre alt und zeigten ADHS-Symptome. Eine ADHS-Diagnose hatten sie zu Beginn nicht unbedingt.
Nach dem Training kamen die Kinder besser durch ihre täglichen Routinen, und die ADHS-Symptome gingen zurück. Wie stark sich die Routinen verbesserten, unterschied sich von Kind zu Kind. 37 Prozent dieser Unterschiede ließen sich mit der Veränderung bei den exekutiven Funktionen erklären, nur 5 Prozent mit den Werten für Impulsivität und Hyperaktivität.
Exekutive Funktionen bei Kindern mit ADHS: sieben Schritte zu festen Gewohnheiten
Die Veröffentlichung beschreibt das Training in Grundzügen: Ziele festlegen, die betroffene exekutive Funktion verstehen, mit Hinweisen helfen, einen Wochenplan mitnehmen (Frisch et al., 2023). Die sieben Schritte übersetzen das in einen POET-Plan für zu Hause. Das Ziel: bessere Selbststeuerung für dein Kind.
1. Ziele setzen
In der ersten POET-Sitzung legen Eltern drei bis vier Ziele für den Alltag ihres Kindes fest. Besprich sie mit deinem Kind. Die Ziele sollen spezifisch und erreichbar sein: morgens selbstständig anziehen, beim Abendessen ruhig sitzen.
Nimm Tätigkeiten, die für euren Tagesablauf wichtig sind und bei denen dein Kind regelmäßig hängen bleibt.
2. Eigenes Verhalten anpassen und Vorbild sein
Geh ruhig und geduldig vor und gib klare Anweisungen. So hilfst du deinem Kind, langsamer und bewusster zu handeln. Sei dabei Vorbild: ruhig bleiben, einen Ablauf Schritt für Schritt erledigen.
3. Tägliche Routinen in klare, kleine Schritte zerlegen
Leg mit deinem Kind fest, aus welchen Schritten der Morgen und der Abend bestehen. Durch Wiederholung wird aus dem Ablauf eine Gewohnheit.
Visuelle Hilfsmittel geben Orientierung: eine Checkliste an der Tür, Bildkarten. Dein Kind sieht dann selbst, was als Nächstes kommt.
4. Routinen mit klaren Hinweisen und Cues anpassen
Im Training helfen Eltern ihrem Kind unter anderem mit Hinweisen. Ein Cue ist eine kurze Erinnerung, die lenkt, ohne dein Kind zu unterbrechen: „Erinnerst du dich an die nächste Aufgabe?“
Bei Gefühlsausbrüchen hilft Vorarbeit. Übt vorab eine Entspannungsmethode ein und setzt sie ein, wenn es kippt. So lenkt ihr die Aufmerksamkeit zurück zur Aufgabe.
5. Emotionsregulation und Selbstkontrolle üben
Erklär deinem Kind, warum Geduld und Warten wichtig sind. Übt dazu kleine Spiele, die die Selbstregulation fördern.
Überlegt euch außerdem einfache Spielaktivitäten oder Bewegungsübungen für den Moment, in dem ein Ausbruch droht. Sie sollen helfen, Gefühlsausbrüche abzubauen und impulsives Verhalten in den Griff zu bekommen.
6. Wöchentlich zurückschauen und die Strategie anpassen
Im Training endet jede Sitzung mit einem kurzen Plan für die nächste Woche, mit höchstens fünf Strategien. Zu Hause übernimmt das ein fester Termin am Ende der Woche.
Schaut gemeinsam zurück: Was hat gut funktioniert, was könnte besser laufen? Passt Schritte und Hinweise an und setzt Ziele für die nächste Woche.
7. Geduld und Beständigkeit bewahren
Veränderung braucht Zeit. Bleib bei den Routinen, auch wenn eine Woche schlecht läuft, und feiert die kleinen Fortschritte.
Benenne Erfolge so, dass dein Kind sie selbst bemerkt: „Du hast heute ohne Erinnerung die Schuhe angezogen.“ Das stärkt sein Selbstvertrauen.
Fazit: Womit du beim Elterntraining morgen anfängst
Such dir heute Abend einen einzigen Ablauf aus, der regelmäßig schiefgeht. Zerleg ihn mit deinem Kind in kleine Schritte und häng die Liste dorthin, wo er stattfindet.
Dann bleib dabei. Routinen brauchen Wiederholung und Geduld – über Wochen.
Exekutive Funktionen bei Erwachsenen mit ADHS: Was lässt sich übertragen?
Jetzt denkst du vielleicht: Das ist ein Training für Eltern kleiner Kinder. Stimmt. Daten zu Erwachsenen liefert die Arbeit keine (Frisch et al., 2023).
Die Grundideen kannst du trotzdem an dir selbst ausprobieren. Du bist dann Elternteil und Kind in einer Person.
- Tägliche Routinen schaffen: Teile deinen Tag in feste, kleine Schritte ein. Checklisten oder ein digitaler Kalender helfen beim Überblick.
- Klare Prioritäten setzen: Überleg dir, welche Aufgaben wirklich wichtig sind, und fang mit diesen an. Der Rest kann warten.
- Erinnerungen nutzen: Digitale Erinnerungen oder Post-its helfen, den Faden zu behalten. Setz sie gezielt ein, als Startsignal oder als Rückweg nach einer Ablenkung.
- Impulse steuern lernen: Bei impulsiven Gedanken oder Handlungen können kurze Pausen und Atemübungen helfen. So kannst du dich beruhigen und wieder klarer denken, bevor du entscheidest.
- Wöchentlicher Rückblick: Nimm dir jede Woche etwas Zeit und schau auf deine Ziele. Was hat gut funktioniert? Was kannst du verbessern?
Quellen
Frisch, C., Tirosh, E. & Rosenblum, S. (2023). Children with ADHD Symptomatology: Does POET Improve Their Daily Routine Management? Children, 10(6), 1083. https://doi.org/10.3390/children10061083
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