ADHS bei Kindern erkennen – offizielle ADHS Checkliste für Kinder

Kurz gefasst

ADHS bei Kindern erkennen heißt: auf Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität achten, die über längere Zeit und in mehreren Lebensbereichen auftreten. Die Checkliste im Artikel führt die Symptome auf und orientiert sich an den offiziellen Kriterien.

Sie hilft dir bei der Frage, ob eine Abklärung sinnvoll ist. Eine Diagnose stellen nur dafür ausgebildete Fachpersonen.

Angenommen, die Lehrerin sagt dir beim Elternsprechtag zum dritten Mal, dein Kind sitze keine fünf Minuten still. Am Abend suchst du nach „ADHS bei Kindern erkennen“ und landest bei einer Checkliste mit Symptomen, von denen dir einige sehr bekannt vorkommen.

Ich bin Klinische Psychologin in Fachausbildung. Dieser Artikel ersetzt keine Abklärung und soll keine Selbstdiagnose fördern. Eine Diagnose stellen nur dafür ausgebildete Fachpersonen, also Fachärzt:innen oder Klinische Psycholog:innen. Ein gut informierter Blick auf Verhaltensmuster und Schwierigkeiten hilft dir trotzdem bei der Entscheidung, ob eine fachliche Abklärung sinnvoll ist.

ADHS Checkliste für Kinder: Welche Symptome zählen für die Diagnose?

Mein beruflicher Schwerpunkt ist die Arbeit mit Erwachsenen mit ADHS. ADHS hat aber eine starke genetische Komponente (Faraone & Larsson, 2018). Deshalb bekomme ich immer wieder dieselbe Frage: Woran erkenne ich ADHS bei meinem eigenen Kind?

Die Checkliste ist in erster Linie für Kinder gedacht. Sie ist eine Orientierungshilfe und kein Diagnosewerkzeug.

Unaufmerksamkeit

  • a. Das Kind hat Schwierigkeiten, seine Aufmerksamkeit auf Details zu richten, und macht oft Flüchtigkeitsfehler bei Hausaufgaben oder anderen Aufgaben.
  • b. Das Kind findet es herausfordernd, bei Aufgaben oder Spielen lange dabei zu bleiben, und verliert oft das Interesse nach kurzer Zeit.
  • c. Oft wirkt das Kind, als würde es nicht zuhören, selbst wenn direkt mit ihm gesprochen wird.
  • d. Anweisungen werden häufig nicht vollständig befolgt und Aufgaben nicht zu Ende geführt. Der Grund ist Ablenkbarkeit, kein Ungehorsam.
  • e. Das Kind hat Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren. Es verliert oft die Übersicht, beginnt Aufgaben ohne klare Struktur und kann schlecht mit der Zeit umgehen.
  • f. Das Kind meidet oder zögert bei Aufgaben, die länger andauernde geistige Anstrengung erfordern, wie etwa das Lesen langer Bücher oder die Teilnahme an langwierigen Projekten.
  • g. Es verliert häufig wichtige Gegenstände, die es für Aufgaben oder Aktivitäten benötigt, wie Schulmaterialien oder Schlüssel.
  • h. Das Kind wird leicht durch äußere Reize wie Geräusche oder schnelle Bewegungen abgelenkt.
  • i. Das Kind vergisst häufig Aufgaben und Anweisungen, die es erhalten hat, und hat Schwierigkeiten, sich an Verpflichtungen zu erinnern.

Hyperaktivität und Impulsivität

  • a. Das Kind zeigt häufig unruhiges Verhalten: Es bewegt sich ständig, zappelt auf dem Stuhl, wippt mit den Füßen und hat Schwierigkeiten, ruhig zu sitzen. Es kann nicht stillhalten, selbst beim Schlafen ist es unruhig und ändert oft seine Lage. In Warteschlangen oder ähnlichen Situationen, in denen Ruhe erwartet wird, fällt es dem Kind schwer, still zu stehen oder zu sitzen.
  • b. Das Kind kann nicht stillsitzen, steht häufig auf, wenn es sitzen sollte, und wirkt während Aktivitäten oder im Unterricht unruhig.
  • c. Es klettert oder rennt herum in Situationen, in denen dies nicht angebracht ist, wie zum Beispiel in Geschäften oder bei öffentlichen Veranstaltungen.
  • d. Beim Spielen oder in Gruppen ist das Kind oft auffällig laut und nimmt keine Rücksicht auf die Lautstärke seiner Umgebung.
  • e. Das Kind wirkt getrieben und ist ständig in Bewegung, kann bei ruhigen Aktivitäten nicht stillsitzen und zeigt eine allgemeine Unruhe.
  • f. Es redet oft ohne Unterbrechung, hört anderen nicht zu, unterbricht und scheint desinteressiert an der Kommunikation.
  • g. Das Kind platzt oft mit Antworten heraus, bevor die Frage vollständig gestellt ist, und hat Schwierigkeiten, seine Gedanken zu kontrollieren.
  • h. Es hat große Schwierigkeiten zu warten, drängelt in Schlangen und möchte immer zuerst drankommen.
  • i. Das Kind kann nicht lange warten und unterbricht Spiele oder Aktivitäten anderer Kinder, was oft zu Konflikten führt.
  • j. Das Kind handelt oft unüberlegt und ohne die Konsequenzen seines Verhaltens zu bedenken, was häufig zu impulsiven Entscheidungen führt.
  • k. Es reagiert übermäßig schnell und intensiv, oft ohne offensichtlichen Grund, und hat Schwierigkeiten, seine Emotionen zu kontrollieren.
  • l. Das Kind nimmt sich nicht die notwendige Zeit für Aufgaben und ist schnell frustriert, wenn Dinge nicht sofort gelingen.
  • m. Es zeigt risikoreiches Verhalten, ohne die Gefahren zu erkennen oder zu berücksichtigen.

Zusätzliche Kriterien für die ADHS-Diagnose

Angekreuzte Symptome allein ergeben noch keine Diagnose. Dazu kommen diese Kriterien:

  • A. Symptome müssen in zwei oder mehr Bereichen des Lebens, wie Schule und Zuhause, signifikant und konsistent auftreten und die Qualität des Lebens beeinträchtigen.
  • B. Eine Diagnose erfordert eine signifikante Einschränkung der Leistungsfähigkeit oder Entwicklung des Kindes und sollte durch eine detaillierte Auswertung von Verhalten und Umfeld bestätigt werden.
  • C. Es sollte keine bessere Erklärung für die Symptome geben, wie zum Beispiel geistige Behinderung oder extreme Umweltbedingungen. Medizinische Gründe müssen ausgeschlossen werden können (Mangelerscheinungen, Schilddrüsenerkrankungen, verringertes Seh- oder Hörvermögen).

Diese Checkliste ist ausführlich und orientiert sich an den Kriterien des DSM-5 (SAMHSA, 2016). Das DSM-5 ist das Handbuch, nach dem Diagnostiker:innen psychische Erkrankungen einordnen.

Im DSM-5 stehen je Bereich neun Symptome. Die Punkte j bis m bei der Hyperaktivität gehen darüber hinaus. Für Kinder verlangt das DSM-5 außerdem mindestens sechs Symptome eines Bereichs, die seit mindestens sechs Monaten bestehen. Mehrere davon müssen schon vor dem Alter von zwölf Jahren aufgetreten sein.

Warum zeigen sich die Symptome manchmal gar nicht?

ADHS ist eine Dopamin-Mangel-Erkrankung. In Situationen, in denen der Körper von selbst Dopamin ausschüttet, kommen die Symptome deshalb kaum zum Tragen.

Jetzt denkst du vielleicht: Mein Kind kann doch stillhalten, wenn es etwas wirklich will. Das ist dann kein Argument gegen die Diagnose. Es passt zu ihr. Auf diese Falle bin auch ich als Psychologin anfangs hereingefallen.

ADHS bei Kindern erkennen – eine persönliche ADHS Geschichte

Meine Tochter konnte und wollte nie still sitzen oder still stehen. An der Kasse ging es so wenig wie am Spielplatz oder am Esstisch, und in der Schule nur mit viel Druck und Gruppenzwang.

Dann stand ihre ADHS-Diagnose im Raum. Ich saß vor diesen Checklisten und dachte: Das kann es nicht sein. Beim Voltigierturnier konnte sie 60 Minuten lang still stehen. Sie hat „performt“. Ein Kind, das 60 Minuten still stehen kann, hat kein ADHS – dachte ich.

Falsch gedacht. Dass sie in dieser Drucksituation still stehen konnte und ohne Druck nicht, passte genau zu ADHS.

Es war ein Turnier. Sie wollte eine Medaille, sie wollte gut sein. Sie hatte einen Haufen Cortisol im Blut, das Stresshormon. Dazu kamen Adrenalin und Noradrenalin für Aufregung und Action und Dopamin für Freude und Motivation. Unter diesem Neurotransmitter-Cocktail konnte sie „normal“ sein.

Der Stress hat ihr geholfen. Warum das so ist, liest du im Artikel zu ADHS und Stress.

Wann „funktionieren“ Kinder mit ADHS besonders gut?

Bei ADHS gibt es Situationen, in denen das Kind plötzlich besonders gut „funktioniert“ – entschuldige die Ausdrucksweise. Dann passen die Umgebungsfaktoren zur „Krankheit“. Dann ist genug Dopamin und Noradrenalin vorhanden. Das gilt vor allem für den hyperaktiv-impulsiven Typ, kurz HI-Typ.

Oft sind es genau die Situationen, in denen andere Kinder überfordert sind oder nicht mitmachen wollen. Dort haben Kinder mit ADHS vom HI-Typ ihre Stärke. Für Erwachsene gilt dasselbe – ein Grund, warum Menschen mit ADHS häufig im Management anzutreffen sind.

Erkennst du dein Kind in vielen Punkten der Checkliste wieder, ist der nächste Schritt ein Termin bei einer Fachperson.

Quellen

Faraone, S. V. & Larsson, H. (2018). Genetics of attention deficit hyperactivity disorder. Molecular Psychiatry. https://doi.org/10.1038/s41380-018-0070-0

Substance Abuse and Mental Health Services Administration (2016). DSM-5 Changes: Implications for Child Serious Emotional Disturbance. Table 7: DSM-IV to DSM-5 Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Comparison. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK519712/table/ch3.t3/

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Julie Simstich
Fachlich geprüft von Julie Simstich

Julie Simstich – Arbeits- & klinische Psychologin (in Fachausbildung), Organisationssoziologin, TEDx-Speakerin, WKO/UBIT Expert Group Human Resources (Steiermark). Sie begleitet Unternehmen bei Neuroinklusion und arbeitet klinisch am PSY2 Institut Gleisdorf. Mehr über Julie → · LinkedIn