Kurz gefasst
Ein ADHS-Test aus dem Internet gibt dir auf die Frage „Habe ich ADHS?“ einen Hinweis, keine Diagnose. Für einen ersten Eindruck eignen sich Fragebögen, die auch in der klinischen Diagnostik eingesetzt werden: WURS-k, ADHS-SB und ASRS.
Eine Diagnostik ersetzen diese Testverfahren nicht. Die Diagnose stellen Fachleute, weil sie ähnliche Störungen ausschließen und Begleiterkrankungen erkennen müssen.
Angenommen, es ist kurz nach Mitternacht. Du hast heute den zweiten Termin der Woche vergessen und tippst „ADHS Test“ in die Suchleiste. Eine halbe Stunde und vier Online-Quizze später weißt du so viel wie vorher.
Klinische Psycholog:innen, Psychiater:innen und Psychotherapeut:innen arbeiten mit offiziellen ADHS-Testverfahren, wenn sie eine ADHS-Diagnose abklären. Drei davon sind weiter unten verlinkt. Gedacht sind sie eigentlich für Fachpersonen. Als erster ADHS-Selbsttest helfen sie dir trotzdem, einen Verdacht zu prüfen. Die Abklärung durch Fachleute ersetzen sie nicht.
Kurz zur Einordnung: Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine psychische Erkrankung, gekennzeichnet durch Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsprobleme und leichte Ablenkbarkeit. Die Symptome treten häufig schon in der Kindheit auf, viele Menschen erhalten die Diagnose aber erst als Erwachsene. ADHS kann das ganze Leben beeinträchtigen, von der Schule über die Arbeit bis zu Beziehungen. Behandelt wird in der Regel mit einer Kombination aus Medikamenten und Therapie.
Habe ich ADHS? So zeigt sich ADHS im Erwachsenenalter
ADHS wird meist mit Kindern in Verbindung gebracht. Auch Erwachsene können betroffen sein. Viele von ihnen bekommen erst nach Jahren eine genaue Diagnose, oft weil die Symptome in der Kindheit milder waren und niemandem aufgefallen sind.
Welche Symptome zeigt ADHS bei Erwachsenen?
Als Erwachsene:r mit ADHS fällt es dir womöglich schwer, bei einer Aufgabe zu bleiben. Du vergisst Termine oder Versprechen. Du kommst häufig zu spät.
Typisch sind auch Schwierigkeiten im Gespräch. Du beendest die Sätze anderer oder unterbrichst häufig.
Wie läuft die Diagnose von ADHS bei Erwachsenen?
Für die Diagnose bei Erwachsenen wird oft das DSM-5 herangezogen. Erwachsene müssen danach mindestens fünf Symptome in den Kategorien Unaufmerksamkeit sowie Hyperaktivität und Impulsivität aufweisen. Diese Symptome müssen in mindestens zwei Lebensbereichen auftreten.
Wie viele Menschen haben ADHS?
Zahlen aus den USA
Das National Institute of Mental Health fasst für die Vereinigten Staaten drei große Erhebungen zusammen. Eine davon ist die National Survey of Children’s Health (NSCH) von 2011.
- 11 Prozent der Kinder im Alter von 4 bis 17 Jahren hatten nach Angaben ihrer Eltern schon einmal eine ADHS-Diagnose erhalten (NSCH, 2011).
- 8,7 Prozent der Jugendlichen im Alter von 13 bis 18 Jahren erfüllten irgendwann in ihrem Leben die Kriterien für ADHS.
- 4,4 Prozent der Erwachsenen zwischen 18 und 44 Jahren hatten aktuell ADHS. Die Lebenszeitprävalenz lag bei 8,1 Prozent.
Die Zahl für Kinder zählt nur Diagnosen, die tatsächlich gestellt wurden. Kinder, die nie abgeklärt wurden, kommen darin nicht vor. Die Werte für Jugendliche und Erwachsene stammen aus diagnostischen Interviews.
ADHS-Test: Welche Testverfahren gibt es? Eine Übersicht
Drei Fragebögen bilden den Kern: WURS-k, ADHS-SB und ASRS. Die ASRS gibt es in zwei Fassungen, beide stehen unten. Die Everyday Life Attention Scale und die Checkliste von Hirnzigartig ergänzen sie.
WURS-k – Wender Utah Rating Scale
Mit der WURS-k als Online-Test schätzt du als Erwachsene:r rückblickend ein, wie stark ADHS-Symptome in deiner Kindheit ausgeprägt waren. Gefragt wird nach dem Alter von etwa acht bis zehn Jahren.
Meines Erachtens ist das der schwächste der hier vorgestellten Tests, vor allem für Frauen. Überprüft wurde die deutsche Kurzform zunächst nur an Männern (Retz-Junginger et al., 2007). Frauen und Männer zeigen ADHS aber gerade als Kinder in unterschiedlicher Ausprägung.
Bei Mädchen ist der verträumte, unaufmerksame Typ vorherrschend, bei Männern die Mischform oder der hyperaktive, impulsive Typ. Der Test fragt verstärkt den hyperaktiven, impulsiven Typ ab. Es kann deshalb sein, dass Frauen mit fachlich gesicherter ADHS-Diagnose hier „kein ADHS“ als Ergebnis bekommen.
Jetzt denkst du vielleicht: Dann lasse ich den Test als Frau gleich weg. So eindeutig ist es nicht. Eine Studie von 2007 hat die WURS-k an 69 Frauen mit ADHS und 97 Kontrollpersonen geprüft. Der Grenzwert von 30 Punkten erkannte 93 Prozent der Frauen mit ADHS, und 92 Prozent der Kontrollpersonen blieben darunter. Das ist derselbe Grenzwert wie bei Männern. Die Studie fand aber auch, dass Frauen aus ihrer Kindheit mehr nach innen gerichtete Probleme beschreiben und Männer mehr nach außen gerichtetes Verhalten (Retz-Junginger et al., 2007).
Fällt dein Ergebnis unauffällig aus und der Verdacht bleibt, dann sprich ihn bei Fachleuten trotzdem an.
ADHS-Selbstbeurteilungsskala (ADHS-SB)
Die ADHS-Selbstbeurteilungsskala hat 18 inhaltliche Fragen und vier weitere zur Abklärung der Diagnose. Das Ergebnis gibt einen guten ersten Eindruck. Es hilft dir, die Symptomatik besser zu verstehen.
Der Fragebogen unterteilt außerdem in die drei Typen von ADHS. Und er berücksichtigt, dass ADHS schon in der Kindheit bestanden haben muss, damit es bei Erwachsenen diagnostiziert werden kann. Eine der vier Zusatzfragen lautet deshalb sinngemäß: Hattest du diese Schwierigkeiten schon im Schulalter?
Adult ADHD Self-Report Scale (ASRS-v1.1)
Die ASRS-v1.1 ist auf Englisch. Ähnlich wie die ADHS-SB gibt sie dir einen Überblick über die vorherrschenden Merkmale in den beiden Sub-Typen.
Praktisch ist die Auswertung. Dunkel hinterlegte Felder zeigen bei jeder Frage, welche Antwort für einen Menschen mit ADHS „typisch“ wäre.
Adult ADHD Self-Report Scale (ASRS-5)
Die ASRS-5 ist ein anerkanntes Screening für Anzeichen von ADHS bei Erwachsenen. Sie besteht aus sechs Fragen zu den vergangenen sechs Monaten. Du antwortest auf einer fünfstufigen Skala mit „nie“, „selten“, „manchmal“, „oft“ oder „sehr oft“. So wird erfasst, wie häufig die Symptome auftreten.
Die Fragen zielen auf typische Verhaltensweisen und Schwierigkeiten bei ADHS:
- Es fällt dir schwer, dich auf das zu konzentrieren, was andere sagen, selbst wenn sie dich direkt ansprechen.
- Es fällt dir schwer, zur Ruhe zu kommen und dich zu entspannen, wenn du Zeit für dich hast.
- Du verlässt deinen Platz in Situationen, in denen Sitzenbleiben erwartet wird, etwa in Besprechungen oder bei Veranstaltungen.
- Du beendest die Sätze anderer, bevor sie selbst fertig gesprochen haben.
- Du schiebst Aufgaben bis zum letzten Moment auf.
- Du bist auf andere angewiesen, um dein Leben in Ordnung zu halten und dich um Details zu kümmern.
Die ASRS-5 erlaubt eine erste Einschätzung. Sie ersetzt keine offizielle Diagnose durch Ärzt:innen oder Psycholog:innen. Nimm sie als Ausgangspunkt für das Gespräch mit Fachleuten, die eine umfassende diagnostische Bewertung durchführen können.
Everyday Life Attention Scale (ELAS)
Die Everyday Life Attention Scale (ELAS) ist ein weiterer Selbsttest. Sie fragt nach Aufmerksamkeit im Alltag, also nach Unaufmerksamkeit in typischen Situationen, die viele Menschen täglich erleben. Für jede Situation schätzt du ein, wie häufig und wie stark die Probleme auftreten.
Zu den bewerteten Situationen und Aktivitäten gehören unter anderem:
- Lesen: Du bleibst bei einem Buch oder Artikel schwer bei der Sache und blätterst oft zurück, weil du den Inhalt nicht behalten hast.
- Zuhören: Einem Vortrag, einer Rede oder einer Diskussion folgst du nur mit Mühe, deine Gedanken schweifen ab.
- Gespräche: Du verlierst den Faden oder vergisst, was gerade gesagt wurde.
- Arbeiten: Bei beruflichen oder schulischen Aufgaben schweifst du ab und wirst schwer termingerecht fertig.
- Haushalt: Bei der Hausarbeit bleibst du schwer fokussiert und organisiert und unterbrichst dich häufig.
- Kochen: Du vergisst Schritte oder Zutaten.
- Freizeit: Auch ein Film oder ein Buch hält deine Aufmerksamkeit nicht.
- Autofahren: Es fällt dir schwer, dich auf den Verkehr zu konzentrieren.
Die ELAS zeigt dir, in welchen Situationen deine Aufmerksamkeit am häufigsten abreißt. Das ist nützlich für Gespräche mit Ärzt:innen oder Psycholog:innen, denn es gibt ihnen eine Grundlage für die weitere diagnostische Beurteilung und für die Planung der Behandlung. Auch die ELAS ersetzt die Diagnose durch Fachleute nicht.
ADHS-Selbsttest und ADHS-Checkliste
Offizielle ADHS-Testverfahren unterstützen vor allem Fachleute. Oft zeigen sich die Symptome aber abseits der offiziellen Verfahren.
Für einen ersten Eindruck gibt es deshalb die ADHS-Checkliste von Hirnzigartig. Sie ist kein offizielles Testverfahren. Erstellt habe ich sie als Psychologin, ADHS-Coach und ADHS-Trainerin. Ich bin Klinische Psychologin in Fachausbildung und habe selbst ADHS. Du findest darin Punkte für Kinder und für Erwachsene.
Warum solltest du trotzdem zu Fachleuten gehen?
Für eine genaue ADHS-Diagnose müssen ähnliche Störungen ausgeschlossen werden. Viele Symptome von ADHS kommen auch bei anderen psychischen Erkrankungen vor, etwa bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung, der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder bei Zwangsstörungen. Außerdem gibt es Überschneidungen zwischen ADHS, Autismus und Hochbegabung. Ein Fragebogen kann das nicht auseinanderhalten.
ADHS tritt zudem häufig zusammen mit anderen Erkrankungen auf, den sogenannten Komorbiditäten. Eine Übersichtsarbeit berichtet aus einer Untersuchung, dass etwa 80 Prozent der Erwachsenen mit ADHS mindestens eine weitere psychische Störung haben und fast 60 Prozent mehr als eine (Aslan et al., 2023). Zu den häufigsten Begleiterkrankungen gehören Angststörungen, Depressionen, Substanzabhängigkeiten, Persönlichkeitsstörungen, Zwangsstörungen und andere Störungen der neuronalen Entwicklung wie Autismus-Spektrum-Störungen oder Tic-Störungen.
ADHS ist keine Modeerkrankung und keine angenehme Ausrede. ADHS ist eine ernstzunehmende Erkrankung. Bleibt sie unerkannt und unbehandelt, kann sie folgeschwere Erkrankungen nach sich ziehen.
Bleibt dein Verdacht bestehen, dann vereinbare einen Termin zur Abklärung, auch wenn ein Fragebogen unauffällig ausfällt. Die ausgefüllten Bögen kannst du mitnehmen.
Quellen
Aslan, B., Lux, S., Braun, N., Schulze, M. & Philipsen, A. (2023). ADHS im Erwachsenenalter. Journal für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie, 24(4), 121–132. https://www.kup.at/kup/pdf/15481.pdf
National Institute of Mental Health. Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder (ADHD). Statistics. https://www.nimh.nih.gov/health/statistics/attention-deficit-hyperactivity-disorder-adhd
Retz-Junginger, P., Retz, W., Schneider, M., Schwitzgebel, P., Steinbach, E., Hengesch, G. & Rösler, M. (2007). Der Einfluss des Geschlechts auf die Selbstbeschreibung kindlicher ADHS-Symptome. Der Nervenarzt, 78, 1046–1051. https://doi.org/10.1007/s00115-006-2242-4
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