Mitarbeiter:innen mit ADHS unterstützen: Ein Leitfaden für HR

Kurz gefasst

Wenn du als HR Mitarbeiter:innen mit ADHS unterstützen willst, nennt dieser Leitfaden vier Ansatzpunkte: ein geschultes Recruiting-Team, schriftliche Absprachen, eine ruhige Arbeitsumgebung und kurze Zwischenziele.

Für Österreich listet er außerdem Regeln und Förderungen zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen auf, darunter Beschäftigungspflicht, Ausgleichstaxe und Kündigungsschutz. Beträge und Fristen ändern sich.

Angenommen, eine Teamleiterin ruft bei dir in der HR-Abteilung an. Einer ihrer Mitarbeiter hat ihr von seiner ADHS-Diagnose erzählt, und sie will wissen, wie sie ihn unterstützen soll. Für die Karenz und für Dienstreisen hast du einen Leitfaden, für den Umgang mit ADHS keinen.

Als HR kannst du an mehreren Stationen etwas tun, vom Bewerbungsprozess bis zu den Förderungen.

Was bedeutet ADHS am Arbeitsplatz? Herausforderungen und Stärken

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) hat mit Faulheit oder fehlendem Willen nichts zu tun. Es ist eine neurobiologische Besonderheit, die Konzentration, Impulskontrolle und Organisation beeinflusst.

Viele Menschen mit ADHS bringen zugleich besondere Stärken mit: Kreativität, Begeisterungsfähigkeit und eine hohe Problemlösungsfähigkeit.

Welche Herausforderungen sind für Mitarbeiter:innen mit ADHS typisch?

Fünf Themen sind typisch:

  • Ablenkbarkeit in offenen Büroumgebungen
  • Schwierigkeiten mit Zeitmanagement und Deadlines
  • Probleme mit monotonen oder langwierigen Aufgaben
  • Impulsivität in der Kommunikation
  • Vergesslichkeit und Organisationsthemen

Was kann HR im Bewerbungsprozess tun? Sensibilisierung und Schulung

Der erste Schritt: Schule dein Recruiting-Team zu ADHS. Das trägt dazu bei, Vorurteile abzubauen und besser zu verstehen, was Kandidat:innen mit ADHS brauchen.

Stellenbeschreibung

Formuliere die Anforderungen klar und präzise. Wo du dabei flexibel bleibst, kommen unterschiedliche Fähigkeiten und Stärken von Bewerber:innen eher zum Zug.

Bewerbungsgespräche

Ermutige Kandidat:innen, offen über ihre Bedürfnisse zu sprechen. Ohne Druck. Das geht zum Beispiel mit einem Satz in der Einladung: „Sag uns gern, wenn du für das Gespräch etwas brauchst.“

Biete bei Bedarf Anpassungen im Interview an, etwa mehr Zeit für Antworten oder eine ruhige Umgebung.

Wie kann HR Mitarbeiter:innen mit ADHS am Arbeitsplatz unterstützen?

Nach der Einstellung kannst du zwei Dinge anpassen: den Arbeitsplatz und die Arbeitsweise.

Struktur und klare Kommunikation bieten

  • Klare Erwartungen und Ziele: Aufgaben strukturieren, am besten schriftlich.
  • Regelmäßige Check-ins: kurze Termine für Fragen und Fortschritt.
  • Visualisierung: To-do-Listen, Kalender oder Projektmanagement-Tools können helfen.

Störungen und Ablenkungen reduzieren

  • Ruhige Arbeitsumgebung: etwa Lärmschutz-Kopfhörer oder Homeoffice.
  • Flexible Arbeitszeiten: Frag nach, ob die Konzentration morgens oder abends besser ist.
  • Kurze, geplante Pausen: Sie können den Fokus verbessern.

Individuelle Stärken gezielt nutzen

Mitarbeiter:innen mit ADHS sind oft besonders kreativ, innovativ und lösungsorientiert. Gib ihnen Aufgaben, die Abwechslung und Eigenverantwortung bieten und sie fordern. Monotone Arbeit kann schnell überfordern – verteile sie sparsam.

Umgang mit ADHS im Team: Was können Führungskräfte tun?

Zwei Punkte kannst du der direkten Führungskraft mitgeben: Feedback und Fristen.

Wie du zusätzlich interne Ansprechpersonen für Neurodiversität aufbaust, steht im Artikel Neurodiversity Ambassadors und ERG im Unternehmen einführen.

Feedback und Motivation anpassen

Lob und Anerkennung zählen viel, positives Feedback wirkt oft sehr motivierend. Kommuniziere kurz und direkt statt in langen E-Mails oder Meetings. Und hab Geduld mit impulsiven Äußerungen: Böse gemeint sind sie selten.

Klare Deadlines setzen, aber mit Flexibilität

Lange Fristen können nach hinten losgehen. Setz kürzere, machbare Zwischenziele und bau Erinnerungshilfen ein, etwa Kalender-Alerts oder Checklisten.

Rechtliche Aspekte: Welche Regeln und Förderungen gibt es?

Die folgenden Angaben gelten für Österreich. Die Beträge und Fristen ändern sich. Prüfe den aktuellen Stand beim Sozialministeriumservice oder bei der Arbeiterkammer. Dieser Artikel ist keine Rechtsberatung.

Ausschlaggebend für die Rechtsvorschriften und Förderungen zur Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Arbeitsmarkt ist die Erwerbsfähigkeit. Bei einem Grad der Behinderung oder einer Minderung der Erwerbsfähigkeit von mindestens 50 Prozent gibt es zwei Gruppen:

  • Begünstigt behinderte Personen haben einen Feststellungsbescheid des Sozialministeriumservice. Für sie gilt ein erweiterter Kündigungsschutz nach dem Behinderteneinstellungsgesetz (BEinstG).
  • Behinderte Personen mit Behindertenpass haben keinen besonderen Kündigungsschutz und werden nicht auf die Ausgleichstaxe angerechnet. Für sie kannst du nur manche Förderungen beantragen, zum Beispiel den Inklusionsbonus für Lehrlinge.

Der Behindertenpass ist nicht gleichzusetzen mit dem Feststellungsbescheid über die Zugehörigkeit zum Kreis der begünstigt behinderten Personen nach dem BEinstG.

Beschäftigungspflicht für Unternehmen

Auf 25 Mitarbeiter:innen muss ein Unternehmen eine begünstigt behinderte Person einstellen. Wer das nicht einhält, zahlt eine Ausgleichstaxe:

UnternehmensgrößeAusgleichstaxe pro offener Pflichtstelle
bis 100 Mitarbeiter:innen335 Euro
ab 100 Mitarbeiter:innen472 Euro
ab 400 Mitarbeiter:innen499 Euro

Steuerliche Vorteile

Beschäftigt dein Unternehmen begünstigt behinderte Personen, ist es für diese Mitarbeiter:innen von folgenden Lohnabgaben befreit:

  • Dienstgeberbeitrag
  • Zuschlag zum Dienstgeberbeitrag
  • Kommunalsteuer
  • U-Bahn-Steuer (Wien)

Prämien und Förderungen

  • Prämie für Lehrlinge: Für begünstigt behinderte Lehrlinge in Ausbildung erhält das Unternehmen eine Prämie in Höhe der aktuellen Ausgleichstaxe.
  • Inklusionsförderung: 30 Prozent des Bruttogehalts für begünstigt behinderte Personen.
  • Inklusionsbonus: Unterstützung für die Beschäftigung von Lehrlingen mit Behindertenpass.
  • Entgeltzuschuss: bis zu 50 Prozent der Lohnkosten, um behinderungsbedingte Leistungseinschränkungen auszugleichen.
  • Arbeitsplatzsicherungszuschuss: Zuschuss, wenn der Arbeitsplatz gefährdet ist.
  • Barrierefreie Arbeitsplatzadaptierung: Zuschüsse für bauliche und technische Anpassungen.

Kündigungsschutz

Für begünstigt behinderte Personen gilt nach einer gesetzlichen Wartezeit ein erhöhter Kündigungsschutz. Er gilt nicht während der Probezeit, bei befristeten Verträgen oder bei einvernehmlicher Auflösung.

Dienstleistungen des Sozialministeriumservice

Das Sozialministeriumservice bietet NEBA an, das Netzwerk für berufliche Assistenz. Zu den Angeboten gehören Berufsausbildungsassistenz und Jobcoaching.

Förderungen des Arbeitsmarktservice (AMS)

  • Eingliederungsbeihilfe: Zuschüsse zu den Lohnkosten.
  • Lehrstellenförderung: Zuschüsse für die Lehrausbildung von Menschen mit Behinderungen.
  • fit2work: kostenfreies Beratungsangebot bei gesundheitlichen Problemen am Arbeitsplatz.

Mehr dazu steht beim AMS unter Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen.

Was heißt das für Führungskräfte und HR?

Für dich als Führungskraft oder in HR heißt das: Fang mit schriftlichen Absprachen und kürzeren Zwischenzielen an und prüf dann, welche Förderungen für euch in Frage kommen. Wie du das im Unternehmen aufsetzt, steht auf der Seite Neurodiversität-Beratung für HR.

Du willst das Thema in deinem Unternehmen angehen? Beratung, Audit und Trainings findest du unter Neuroinklusion für Unternehmen. Erstgespräch anfragen →

Julie Simstich
Fachlich geprüft von Julie Simstich

Julie Simstich – Arbeits- & klinische Psychologin (in Fachausbildung), Organisationssoziologin, TEDx-Speakerin, WKO/UBIT Expert Group Human Resources (Steiermark). Sie begleitet Unternehmen bei Neuroinklusion und arbeitet klinisch am PSY2 Institut Gleisdorf. Mehr über Julie → · LinkedIn

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