Kurz gefasst
Homeoffice ist bei ADHS und Autismus für viele eine notwendige Arbeitsbedingung. Für Autismus berichten Befragte aus Polen von weniger sensorischer Überlastung. Für ADHS sind die Daten dünn: Eine japanische Fragebogenstudie ohne Diagnosen fand im Homeoffice weniger depressive Symptome; Ursache und Wirkung bleiben offen.
Die Sorge, daheim werde weniger geleistet, bestätigt die Forschung überwiegend nicht. In einer Übersichtsarbeit zeigten 19 von 24 Arbeiten aus der Zeit vor der Pandemie mehr Produktivität im Homeoffice.
Vor Kurzem habe ich in einem Coaching eine arbeitspsychologische Empfehlung geschrieben. Mein Klient hat ADHS und Autismus. Sein Unternehmen kürzt die Homeoffice-Tage drastisch, und eine Ausnahme gibt es nur mit Expertenbestätigung, dass Homeoffice für die Person relevant ist.
Für meinen Klienten ist Homeoffice weit mehr als „nett zu haben“. Es hilft ihm, die sensorische Überlastung im Büro zu vermeiden, die ihn massiv beeinträchtigt. Begründet wird die Rückkehr ins Büro trotzdem mit einem alten Argument – der Angst, Mitarbeiter:innen könnten zu Hause „faul“ sein.
Warum glauben wir immer noch, dass Menschen im Büro produktiver sind als im Homeoffice?
Die Antwort ist ernüchternd. Um echte Kontrolle geht es selten, meist um das Gefühl von Kontrolle. Dahinter steht ein veraltetes Bild von Mitarbeiter:innen: Wer nicht beobachtet wird, leistet weniger.
Die Forschung zeichnet ein anderes Bild. Mehrere Arbeiten kommen zum Ergebnis, dass Homeoffice für viele produktiver ist (Hackney et al., 2022; Anakpo et al., 2023). Hackney und Kolleg:innen werteten 37 Artikel aus, am häufigsten aus den USA. Von den 24 aus der Zeit vor der Pandemie zeigten 19, also 79 Prozent, mehr Produktivität und Leistung im Homeoffice.
Jetzt denkst du vielleicht: Und in der Pandemie? Von 13 Artikeln aus dieser Zeit fanden drei positive Effekte, fünf gemischte und fünf negative. Die Autor:innen schließen daraus, dass sich Homeoffice ohne Zwang günstig auf Produktivität und Leistung auswirken kann.
Anakpo und Kolleg:innen sichteten 26 Arbeiten, veröffentlicht 2020 bis 2022, und fanden mehrheitlich eine positive Wirkung. Wie sie ausfällt, hängt unter anderem von der Art der Arbeit, von Arbeitgeber und Branche und von den Bedingungen zu Hause ab.
Hackney und Kolleg:innen nennen daneben häufig mehr Arbeitszufriedenheit, aber auch verschwimmende Grenzen zwischen Arbeit und Zuhause.
Laut Zusammenfassung einer Metaanalyse über 108 Studien mit 45.288 Beschäftigten gilt: Wer mehr remote arbeitet, schneidet unter anderem bei der Leistungsbewertung durch Vorgesetzte und bei der Arbeitszufriedenheit etwas besser ab (Gajendran et al., 2024). Die Effekte sind klein. Die Autor:innen sprechen von bescheidenen Vorteilen bei begrenzten Nachteilen. Produktivität im engeren Sinn haben sie nicht gemessen.
Was bringt Homeoffice bei ADHS und Autismus?
Besonders Menschen mit neurodivergenten Profilen wie Autismus oder ADHS können profitieren. Sie können zu Hause sensorische Überlastung vermeiden, ihre Umgebung selbst anpassen und ihre Energie besser einteilen.
Die Belege für Autismus kommen aus Polen. In einer Befragung bewerteten autistische Erwachsene (113 Frauen, 27 Männer) Lösungen gegen Reizüberflutung, flexible Arbeitszeit, einen Job-Coach und die Arbeit von zu Hause am besten (Tomczak & Ziemiański, 2023). Die Stichprobe ist nicht zufällig gezogen.
In Interviews mit 13 Berufstätigen, darunter vier autistische Mitarbeiterinnen, kamen als Vorteile weniger sensorische Überlastung und flexible Arbeitszeiten zur Sprache (Tomczak et al., 2022). Als Nachteil nannten sie unter anderem, dass erwünschte oder hilfreiche Kontakte seltener werden. ADHS kommt dort nur als häufige Begleitdiagnose vor.
Was weiß man über Homeoffice bei ADHS?
Für ADHS allein ist die Forschung dünn. Eine Übersichtsarbeit über 25 Studien zu neurodivergenten Beschäftigten im Homeoffice fand kaum Arbeiten, die Wohlbefinden oder Produktivität statistisch auswerten (Brooks et al., 2024). Die meisten Daten stammen aus der Pandemie, die meisten Studien betreffen Autismus oder ADHS. Menschen mit ADHS äußerten dort die Sorge, dass Ablenkung zu Hause sie am produktiven Arbeiten hindert. Mehr Flexibilität und fehlende Routine stehen in den Studien nebeneinander. Die Autor:innen raten von einer Einheitslösung ab.
Eine größere Zahlenstudie kommt aus Japan. Befragt wurden 904 Beschäftigte mit ADHS-Symptomen und 900 ohne, im März 2021, rückblickend auf die Notstandsphase im Frühjahr 2020 (Ishimoto et al., 2023). Eine ADHS-Diagnose lag nicht vor: Die ADHS-Symptome wurden per Selbstauskunft-Fragebogen erhoben, die depressiven Symptome ebenso. In der Gruppe mit ADHS-Symptomen gingen hybrides und volles Homeoffice mit weniger depressiven Symptomen einher. Bei der Arbeitsproduktivität zeigte sich kein Unterschied. Es ist eine Querschnittsbefragung: Über Ursache und Wirkung sagt sie nichts. Ob ADHS oder eine Depression vorliegt, klärt eine Diagnostik bei einer Fachperson.
Zu Homeoffice bei ADHS oder Autismus fanden sich keine Zahlen aus Österreich, Deutschland oder der Schweiz. Für ADHS heißt das: Homeoffice kann helfen, es kann auch Struktur kosten. Welche Seite überwiegt, ist individuell.
Das Thema reicht über Neurodivergenz hinaus.

Was passiert, wenn wir Mitarbeiter:innen zwingen, ins Büro zurückzukehren?
- Wir übergehen individuelle Arbeitsweisen und Bedürfnisse.
- Wir riskieren, dass fähige Leute unter ihren Möglichkeiten bleiben.
- Wir verfestigen Strukturen, die längst überholt sind.
Statt zu fragen, welche Strukturen Menschen von Leistung abhalten, greifen wir zu schnellen Maßnahmen, die den Status quo sichern.
Unter Zwang oder Misstrauen entstehen Innovation und Inklusion kaum. Sie brauchen Arbeitsmodelle, die Menschen stärken – ob neurodivergent oder nicht.
Hinter der Frage nach der Arbeitsform steht oft eine zweite: ob die Stelle selbst passt. Dafür gibt es ein eigenes Format, die Berufsorientierung bei ADHS und Autismus.
Was heißt das für Führungskräfte und HR?
Für dich als Führungskraft heißt das: Bevor du Homeoffice-Tage kürzt, prüf die Annahme dahinter. Für Mitarbeiter:innen mit ADHS oder Autismus kann der Arbeitsplatz zu Hause die Bedingung sein, unter der sie ihre Arbeit schaffen. Mehr dazu steht auf der Seite Neurodiversität im Unternehmen.
Quellen
Anakpo, G., Nqwayibana, Z. & Mishi, S. (2023). The Impact of Work-from-Home on Employee Performance and Productivity: A Systematic Review. Sustainability, 15(5), 4529. https://doi.org/10.3390/su15054529
Brooks, S. K. et al. (2024). Homeworking experiences of neuro-divergent workers: systematic review. Occupational Medicine. https://doi.org/10.1093/occmed/kqae095
Gajendran, R. S., Ponnapalli, A. R., Wang, C. & Javalagi, A. A. (2024). A dual pathway model of remote work intensity: A meta-analysis of its simultaneous positive and negative effects. Personnel Psychology, 77(4). https://doi.org/10.1111/peps.12641
Hackney, A., Yung, M., Somasundram, K. G., Nowrouzi-Kia, B., Oakman, J. & Yazdani, A. (2022). Working in the digital economy: A systematic review of the impact of work from home arrangements on personal and organizational performance and productivity. PLOS ONE. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0274728
Ishimoto, Y. et al. (2023). Benefits of Working from Home During the COVID-19 Pandemic for Undiagnosed Workers with Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Symptoms. Neuropsychiatric Disease and Treatment. https://doi.org/10.2147/NDT.S414862
Tomczak, M. T., Mpofu, E. & Hutson, N. (2022). Remote Work Support Needs of Employees with Autism Spectrum Disorder in Poland: Perspectives of Individuals with Autism and Their Coworkers. International Journal of Environmental Research and Public Health. https://doi.org/10.3390/ijerph191710982
Tomczak, M. T. & Ziemiański, P. (2023). Autistic Employees‘ Technology-Based Workplace Accommodation Preferences Survey – Preliminary Findings. International Journal of Environmental Research and Public Health. https://doi.org/10.3390/ijerph20105773
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