Kurz gefasst
Hat jetzt jede:r ADHS? Nein, und eine Modediagnose ist ADHS auch nicht. Die Diagnosezahlen steigen aus mehreren Gründen. Einer davon: Erwachsene und Frauen werden heute häufiger erkannt.
Zehn Antworten aus der Forschung erklären den Anstieg. Der Artikel zeigt außerdem, wo ADHS übersehen und wo es zu schnell diagnostiziert wird, was an gängigen Vorurteilen stimmt und wie ADHS behandelt wird.
Angenommen, eine junge Frau sitzt in einer psychologischen Praxis. Seit Jahren kämpft sie mit Konzentrationsproblemen und innerer Unruhe, das Studium hat sie abgebrochen. Sie spricht ihren Verdacht aus und hört, ADHS sei eher selten und die Schwierigkeiten hätten wahrscheinlich andere Ursachen.
Anderswo fällt zur selben Zeit der Satz: „Hat jetzt jede:r ADHS?“ Gemeint ist: ADHS sei eine Modediagnose. Zu selten für die einen, zu häufig für die anderen – beides lässt sich an Zahlen und Quellen prüfen.
Hat jetzt jede:r ADHS, oder ist ADHS eine Modediagnose?
Die Szene aus der Praxis steht für viele Erwachsene, die trotz erheblicher Symptome keine Diagnose erhalten. Bei Kindern ist ADHS längst anerkannt. Bei Erwachsenen wird es noch immer unterschätzt oder anderen Ursachen zugeschrieben (Askri et al., 2023).
Der Vorwurf der Modediagnose behauptet das Gegenteil: zu viele Diagnosen, zu schnell gestellt. Für beide Sichtweisen gibt es Befunde. Sie betreffen nur verschiedene Gruppen.
Was ist ADHS?
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine Entwicklungsstörung des Gehirns. Diagnostiziert wird sie anhand von Verhalten und Symptomen, einen verlässlichen biologischen Marker gibt es nicht (Drechsler et al., 2020). Dopamin ist beteiligt, ein genereller Dopaminmangel ist aber nur begrenzt belegt (MacDonald et al., 2024). Im Alltag zeigt sich ADHS oft in vier Bereichen. Die ersten drei sind Kernsymptome, der vierte kommt häufig dazu:
- Konzentrationsprobleme
- erhöhte Impulsivität
- teilweise starke Hyperaktivität
- emotionale Dysregulation und Probleme mit dem Zeitmanagement
ADHS ist hochgradig erblich und tritt in Familien gehäuft auf. Nach 37 Zwillingsstudien liegt die Erblichkeit im Mittel bei 74 Prozent (Faraone & Larsson, 2019). Die Zahl beschreibt, wie viel der Unterschiede in einer Bevölkerung auf Gene zurückgeht. Über eine einzelne Person sagt sie nichts.
Wie hat sich die ADHS-Diagnose historisch entwickelt?
Den Begriff „ADHS“ gibt es erst seit wenigen Jahrzehnten. Die Beschreibungen sind älter. Auffallend hyperaktive, unaufmerksame und impulsive Kinder tauchen in der Fachliteratur seit dem 19. Jahrhundert auf (Lange et al., 2010). Vier Stationen:
- 1902: Der britische Kinderarzt George Still beschreibt in seinen Vorlesungen Kinder mit einem „Defekt der moralischen Kontrolle“. Viele Autor:innen sehen darin den wissenschaftlichen Ausgangspunkt der ADHS-Geschichte.
- 1968: Als „Hyperkinetische Reaktion des Kindesalters“ erscheint das Störungsbild erstmals im DSM, dem Diagnosemanual für psychische Störungen (Epstein & Loren, 2013).
- 1980: Das DSM-III benennt die Diagnose um in „Aufmerksamkeitsdefizitstörung“ (ADD), mit oder ohne Hyperaktivität. Im Mittelpunkt steht jetzt die Aufmerksamkeit. 1987 heißt sie in der Überarbeitung DSM-III-R erstmals ADHS.
- 1990er-Jahre: ADHS wird zunehmend als vererbbare neurologische Störung verstanden. Die Erklärung über Erziehungsprobleme verliert an Boden.
ADHS ist also ein gut erforschtes Störungsbild mit langer Vorgeschichte. Eine Modeerscheinung sieht anders aus.
Warum bekommen immer mehr Menschen eine ADHS-Diagnose?
Zuerst die Zahlen. Nach einer Elternbefragung der US-Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention) hatten 2022 in den USA 11,4 Prozent der 3- bis 17-Jährigen schon einmal eine ADHS-Diagnose erhalten (Danielson et al., 2024). Gezählt sind Diagnosen laut Elternangabe. Wie viele Kinder die Kriterien tatsächlich erfüllen, misst diese Zahl nicht. In Schweden erhielten 2022 laut der dortigen Gesundheits- und Sozialbehörde 10,5 Prozent der Jungen und 6 Prozent der Mädchen eine ADHS-Diagnose. Eine Altersgruppe nennt Bölte dazu nicht (Bölte, 2024).
Jetzt denkst du vielleicht: Dann stimmt es ja doch, es werden immer mehr. Die Diagnosen werden mehr, das ist richtig. Warum das so ist, hat Sven Bölte in acht Gründen zusammengefasst. Die Punkte 2 bis 9 folgen seiner Liste, die Punkte 1 und 10 ergänzen sie.

1. Bessere Diagnostik
Früher wurde ADHS oft nur bei stark hyperaktiven Jungen erkannt. Heute ist bekannt, dass auch Mädchen und Erwachsene ADHS haben, oft in einer stilleren, unauffälligen Form. Gerade bei Erwachsenen ist die Diagnose anspruchsvoll, weil die Symptome subtil sind und Begleiterkrankungen dazukommen (Todzia, 2024).
2. Mehrere Diagnosen bei einer Person
Früher gingen Ärzt:innen oft davon aus, dass eine Person nur eine einzige Hauptdiagnose haben kann. Manche Kombinationen von Diagnosen wurden gar nicht vergeben, zum Beispiel Autismus und ADHS. Heute ist es üblich, so viele Diagnosen zu stellen, wie nötig sind, um die Symptome und Schwierigkeiten einer Person zu beschreiben.
Für die Statistik hat das eine einfache Folge. Eine ADHS, die früher hinter einer anderen Diagnose verborgen geblieben wäre, wird jetzt mitgezählt.
3. Mehr Wissen und Bewusstsein bei Fachleuten
In den Einrichtungen, die mit ADHS befasst sind, arbeitet eine neue Generation von Fachleuten. Sie weiß mehr über ADHS und erkennt es früher. Davon profitieren Gruppen, die lange vernachlässigt wurden: Mädchen und Frauen, aber auch Erwachsene allgemein.
4. Weniger Stigmatisierung
ADHS galt lange als problematische oder gar erfundene Diagnose. In vielen Gesellschaften ist es heute deutlich weniger stigmatisiert. Das hat zwei Folgen. Ärzt:innen und Psycholog:innen haben weniger Zweifel, die Diagnose zu stellen. Und Menschen mit ADHS nehmen ihre Diagnose eher an und holen sich gezielt Unterstützung.
Für viele ist ADHS heute ein Teil ihrer neurodiversen Identität. Das Wort „Defizit“ beschreibt für sie nur einen Ausschnitt.
5. Höhere Anforderungen an kognitive Fähigkeiten
ADHS lässt sich als äußeres Ende eines Spektrums verstehen. Menschen mit ADHS unterscheiden sich von anderen vor allem im Grad der Ausprägung, weniger in der Art (Banaschewski et al., 2024). Schwierig sind vor allem Aufmerksamkeitskontrolle, Selbstorganisation und Impulskontrolle.
Moderne Gesellschaften sind schnell und komplex. Sie verlangen genau diese Fähigkeiten in hohem Maß. Wer sich damit schwertut, stößt eher an Grenzen.
6. Höhere Erwartungen an Gesundheit und Leistung
Die Erwartungen an die eigene Gesundheit und Leistungsfähigkeit steigen. Bölte spricht von einer „sozialen Grundlinie“: Was als durchschnittlich gesund und leistungsfähig gilt, liegt heute höher. Menschen suchen deshalb schneller nach einer Erklärung, etwa ADHS.
Für Nordamerika zählt eine kritische Übersichtsarbeit den übersteigerten Fokus auf Leistung zu den Faktoren, die die Diagnosezahlen wahrscheinlich aufblähen (Gascon et al., 2022). Banaschewski und Kolleg:innen argumentieren ähnlich: Schulische Leistung ist deutlich wichtiger geworden, und dieser Leistungsdruck könnte den Anstieg der Diagnosen mit erklären.
7. Veränderungen im Unterricht
Schulen unterrichten heute anders. Digitalisierung, Projektarbeit und Gruppenarbeit haben Vorteile, verlangen aber mehr Selbstorganisation. Kinder mit leichten ADHS-Symptomen, die in einem stark strukturierten Umfeld vielleicht keine Probleme hätten, fallen so eher auf. Schulen schicken deshalb mehr Kinder mit ADHS-Verdacht zur diagnostischen Abklärung.
Was Lehrkräfte über ADHS wissen sollten und wie sie Schüler:innen mit ADHS im Unterricht unterstützen können, beschreibt ein Überblick für Pädagog:innen (Hagaman & Casey, 2016).
8. Gesellschaftspolitische Initiativen
In vielen Ländern hat die Politik auf die steigenden Zahlen reagiert und die diagnostische Abklärung leichter zugänglich gemacht. Mehr Abklärungen bedeuten mehr Diagnosen.
Daran gibt es Kritik. Neben schnelleren Diagnosen brauche es Schulen und Arbeitsplätze, die auf die Bedürfnisse neurodivergenter Menschen eingestellt sind.
9. Diagnose als Voraussetzung für Unterstützung
In den meisten Gesellschaften garantiert erst eine klinische Diagnose den Zugang zu Unterstützung und Ressourcen. Ohne Diagnose gibt es oft keine finanzielle Unterstützung für bestimmte Behandlungen. Viele Menschen mit ADHS suchen deshalb gezielt die Abklärung, um Hilfsangebote nutzen zu können.
Das hat eine Nebenwirkung. Fachleute sind eher bereit, mit einer Diagnose zu helfen, auch wenn jemand die Kriterien für ADHS nicht ganz erfüllt. Das Phänomen heißt diagnostische Aufwertung.
10. Bessere Versorgungssysteme
Wie viele Diagnosen gestellt werden, hängt auch von der Versorgung ab. Eine Studie aus Italien liefert dazu ein Beispiel. 55 Menschen waren dort zwischen 1995 und 2015 als Kinder oder Jugendliche wegen ADHS behandelt worden und kamen später in die Erwachsenenpsychiatrie. Dort hatte keine:r von ihnen mehr eine ADHS-Diagnose (Di Lorenzo et al., 2023).
Die Autor:innen verweisen auf den Mangel an Diensten und Fachleuten für ADHS bei Erwachsenen und auf den schwierigen Übergang von der Kinder- in die Erwachsenenversorgung.
Zwischenfazit: Warum steigen die ADHS-Diagnosen?
Der Anstieg hat mehrere Ursachen. Ein Teil geht auf bessere Diagnostik und mehr Wissen über ADHS zurück. Ein anderer Teil hat gesellschaftliche Gründe: steigende Leistungsanforderungen, veränderter Unterricht und leichterer Zugang zu Abklärung und Unterstützung.
Mehr Menschen erhalten so eine Diagnose. Teils, weil sie tatsächlich ADHS haben. Teils, weil der gesellschaftliche Druck wächst, eine Diagnose zu stellen und zu behandeln. Ob ADHS über- oder unterdiagnostiziert ist, hängt deshalb von der Gruppe ab, auf die du schaust.
Wo wird ADHS zu selten erkannt?
- Frauen und Mädchen: Ihr ADHS zeigt sich oft weniger durch Hyperaktivität und eher durch Unaufmerksamkeit oder emotionale Symptome. Das führt zu selteneren Diagnosen. Bölte zählt Mädchen und Frauen zu den lange vernachlässigten Gruppen.
- Erwachsene: Der Fokus lag lange auf Kindern. Viele Erwachsene, die als Kind keine Diagnose erhalten haben, kämpfen weiter mit den Symptomen, ohne sie einordnen zu können. ADHS gilt bei Erwachsenen bis heute als unterdiagnostiziert (Rzeska et al., 2024).
Wo wird ADHS zu häufig diagnostiziert?
- Jüngere Schulkinder: Die Jüngsten einer Klassenstufe erhalten häufiger eine ADHS-Diagnose als die Ältesten. Eine Metaanalyse über 25 Studien mit rund 8 Millionen Kindern und Jugendlichen fand für die relativ Jüngsten ein um gut ein Drittel höheres Risiko (Caye et al., 2020). Eine Analyse aus der Gesundheitsökonomie nennt dafür zwei Gründe. Lehrkräfte überschätzen die Symptome bei den Jüngsten. Zugleich werden die Symptome der Ältesten unterschätzt, vor allem bei den ältesten Mädchen. Nach dieser Analyse erklärt die Unterschätzung der Ältesten einen großen Teil des Abstands (Furzer et al., 2022).
- Weit gefasste Kriterien: Für Nordamerika kommt die schon genannte Übersichtsarbeit zum Schluss, dass die aktuelle Formulierung der Diagnosekriterien und die klinische Praxis die Zahlen wahrscheinlich nach oben treiben (Gascon et al., 2022).
Geschlecht, Alter, Land und diagnostische Praxis entscheiden also mit. Frauen und Erwachsene werden oft übersehen. In manchen Regionen und Altersgruppen liegt die Diagnoserate dagegen höher, als es den tatsächlichen Fällen entspricht. Sorgfältige Diagnostik schützt in beide Richtungen: vor Fehldiagnosen und vor unerkannten Fällen.
Warum bleibt ADHS bei Erwachsenen oft unerkannt?
Lange galt die Annahme, Kinder würden aus ADHS „herauswachsen“. Eine Metaanalyse von Verlaufsstudien zeichnet ein genaueres Bild. Im Alter von 25 Jahren erfüllten rund 15 Prozent noch die vollen Diagnosekriterien. Zählt man die Fälle in Teilremission dazu, waren es rund 65 Prozent (Faraone et al., 2006). Wie viele „herauswachsen“, hängt also stark davon ab, wie man zählt.
Die Symptome verändern sich mit den Jahren. Bei Erwachsenen stehen Impulsivität, emotionale Instabilität und Konzentrationsprobleme im Vordergrund, die Hyperaktivität tritt zurück (Weibel et al., 2020).
Viele Erwachsene erfahren ihre Diagnose spät, oft erst, wenn berufliche oder private Probleme auftreten. Bis dahin wird ADHS bei Erwachsenen häufig mit Depressionen oder Angststörungen verwechselt (Askri et al., 2023).
ADHS bei Frauen: Warum wird es so oft übersehen?
Bei Frauen kommen mehrere Gründe zusammen:
- Frauen sind seltener hyperaktiv. Ihre Symptome sind oft innere Unruhe, Tagträumerei und emotionale Sensibilität.
- Viele lernen als Kind früh, sich anzupassen, um nicht aufzufallen.
- Frauen mit ADHS haben häufiger zusätzliche psychische Erkrankungen als Männer mit ADHS. Das zeigen Registerdaten aus Stockholm mit 85.330 Menschen mit ADHS (Skoglund et al., 2024). Werden diese Erkrankungen zuerst erkannt, wird ADHS leicht übersehen.
Die Folge: Viele Frauen erhalten erst spät eine Diagnose. In den Stockholmer Registerdaten waren Frauen bei der ersten ADHS-Diagnose oder -Behandlung im Schnitt 23,5 Jahre alt, Männer 19,6 (Skoglund et al., 2024).
Häufige Vorurteile über ADHS – und was wirklich stimmt
Vier Sätze hören Menschen mit ADHS besonders oft. Die Tabelle stellt ihnen gegenüber, was stimmt.
| Vorurteil | Was stimmt |
|---|---|
| „ADHS ist nur eine Ausrede für Faulheit.“ | Menschen mit ADHS müssen oft überdurchschnittlich viel leisten, um alltägliche Aufgaben zu bewältigen. |
| „Früher gab es das nicht.“ | Die Symptome gab es schon immer. Sie wurden anders gedeutet oder übersehen. |
| „ADHS ist nur ein Problem von Kindern.“ | Erwachsene mit ADHS haben oft große Schwierigkeiten im Beruf oder in Beziehungen. |
| „Medikamente sind gefährlich und machen süchtig.“ | Stimulanzien wie Ritalin werden ärztlich verordnet und überwacht. Zum Suchtrisiko gibt es Daten, siehe unten. |
Zum letzten Punkt: Eine systematische Übersichtsarbeit kommt zum vorläufigen Schluss, dass eine Stimulanzienbehandlung bei Kindern mit ADHS späteren Suchterkrankungen vorbeugen könnte. Eine dort ausgewertete Metaanalyse fand insgesamt ein ähnliches Risiko mit und ohne Medikament. Die Autor:innen nennen die Datenlage begrenzt (Özgen et al., 2021). Nebenwirkungen sind ein eigenes Thema und gehören ins ärztliche Gespräch.
Was du auf solche Sätze antworten kannst, sammelt der Artikel Schlagfertige Antworten auf blöde Ansagen bei ADHS, ASS und AuDHS. Zu jedem typischen Satz stehen dort fünf Antworten, von sachlich bis humorvoll.
ADHS und emotionale Regulation
Menschen mit ADHS erleben Emotionen oft intensiver als neurotypische Menschen. Ein Begriff, der dabei häufig fällt, ist Rejection Sensitivity Dysphoria (RSD): eine ausgeprägte Angst vor Zurückweisung.
Drei Ansätze werden oft empfohlen. Wie gut sie speziell die Emotionsregulation bei ADHS verbessern, ist wenig untersucht:
- Kognitive Verhaltenstherapie (CBT) hilft, negative Denkmuster zu erkennen.
- Sport und Bewegung können helfen, Anspannung abzubauen.
- Achtsamkeit und Meditation können helfen, Impulsivität zu reduzieren.
ADHS in Beziehungen und im Beruf
Beziehungen
Menschen mit ADHS neigen zu Impulsivität und intensiven Emotionen. Das kann zu Missverständnissen und Konflikten führen.
Drei Tipps für Partnerschaften:
- Sprecht offen über ADHS.
- Schafft klare Strukturen und Routinen.
- Lasst Konflikte nicht eskalieren. Legt bewusst eine Pause ein.
Beruf und Karriere
ADHS kann im Arbeitsleben eine Herausforderung sein. Viele Menschen mit ADHS beschreiben sich als kreativ. In Tests zeigt sich mehr divergentes Denken bei erhöhten ADHS-Zügen unterhalb der Diagnoseschwelle, bei diagnostizierter ADHS in den meisten Studien nicht (Hoogman et al., 2020).
Diese Berufsfelder werden in Erfahrungsberichten oft genannt. Studien, die sie vergleichen, gibt es kaum. Belegt ist ein kleiner Zusammenhang: In einer schwedischen Zwillingsstichprobe mit 7.208 Personen waren Menschen mit mehr ADHS-Symptomen etwas häufiger selbstständig (Verheul et al., 2016):
- kreative Berufe wie Design, Kunst oder Marketing
- Berufe mit viel Abwechslung wie Journalismus oder Eventmanagement
- Selbstständigkeit, weil sie mehr Flexibilität ermöglicht
Wie wird ADHS behandelt?
ADHS ist behandelbar. Oft werden mehrere Bausteine kombiniert.
- Kognitive Verhaltenstherapie: Strukturierte Methoden helfen, impulsives Verhalten und Chaos im Alltag zu reduzieren.
- Medikamente wie Methylphenidat (Ritalin) oder Amphetamin-Derivate: Sie wirken auf die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin. Bei Erwachsenen verringern sie die Kernsymptome kurzfristig. Zur Wirkung über Jahre gibt es wenig Daten (Ostinelli et al., 2025).
- Coaching und Zeitmanagement-Trainings: Sie werden vor allem Erwachsenen angeboten. Zur Wirksamkeit gibt es bisher wenig Forschung.
Welche Kombination zu dir passt, klärst du mit der Fachperson, die dich behandelt.
Fazit: ADHS ist eine echte Diagnose und keine Modediagnose
ADHS ist kein Trend und keine Erfindung. Es ist eine gut untersuchte neurobiologische Störung. Die steigenden Diagnoseraten gehen zum Teil auf besseres Wissen zurück, zum Teil auf gesellschaftliche Gründe. Überdiagnosen betreffen einzelne Gruppen.
Wenn du den Satz „Hat jetzt jede:r ADHS?“ das nächste Mal hörst, kannst du zwei Dinge antworten. Die Symptome sind seit mehr als hundert Jahren beschrieben. Und ein Teil des Anstiegs kommt daher, dass Erwachsene und Frauen heute häufiger erkannt werden.
Findest du dich selbst in den Beschreibungen wieder? Dann notier dir, in welchen Situationen es bei dir hakt, und such dir eine Fachperson mit Erfahrung in der ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen. Menschen mit ADHS brauchen Unterstützung und keine Vorurteile.
Quellen
Askri et al. (2023). https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10479229/
Banaschewski, T., Häge, A., Hohmann, S. & Mechler, K. (2024). Perspectives on ADHD in children and adolescents as a social construct amidst rising prevalence of diagnosis and medication use. Frontiers in Psychiatry. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2023.1289157
Bölte, S. (2024). Eight reasons why ADHD diagnoses are increasing. The Conversation. https://theconversation.com/eight-reasons-why-adhd-diagnoses-are-increasing-242458
Di Lorenzo, R., Balducci, J., Cutino, A., Latella, E., Venturi, G., Rovesti, S., Filippini, T. & Ferri, P. (2023). ADHD Follow-Up in Adulthood among Subjects Treated for the Disorder in a Child and Adolescent Mental Health Service from 1995 to 2015. Medicina, 59(2), 338. https://doi.org/10.3390/medicina59020338
Faraone, S. V., Biederman, J. & Mick, E. (2006). The age-dependent decline of attention deficit hyperactivity disorder: a meta-analysis of follow-up studies. Psychological Medicine, 36(2), 159–165. https://doi.org/10.1017/S003329170500471X
Furzer, J. et al. (2022). ADHD misdiagnosis: Causes and mitigators. Health Economics. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/hec.4555
Gascon, A. et al. (2022). Do we over-diagnose ADHD in North America? A critical review and clinical recommendations. Journal of Clinical Psychology. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/jclp.23348
Hagaman, J. L. & Casey, K. J. (2016). Understanding and supporting the academic needs of students with ADHD. Special Education, 1(34). https://doi.org/10.21277/se.v1i34.248
Lange, K. W., Reichl, S., Lange, K. M., Tucha, L. & Tucha, O. (2010). The history of attention deficit hyperactivity disorder. ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders, 2, 241–255. https://doi.org/10.1007/s12402-010-0045-8
Özgen, H., Spijkerman, R., Noack, M., Holtmann, M., Schellekens, A., Dalsgaard, S., van den Brink, W. & Hendriks, V. (2021). Treatment of Adolescents with Concurrent Substance Use Disorder and Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: A Systematic Review. Journal of Clinical Medicine, 10(17), 3908. https://doi.org/10.3390/jcm10173908
Rzeska, E., Jurasz, K., Podgórska, D., Sanecki, M., Tomczyk, K., Chojnacka, N., Klarycki, J. & Cymer, R. (2024). ADHD in adults in a nutshell. Journal of Education, Health and Sport. https://doi.org/10.12775/JEHS.2024.52.005
Todzia (2024). Principles of ADHD diagnosis in adults. European Psychiatry. https://www.cambridge.org/core/journals/european-psychiatry/article/principles-of-adhd-diagnosis-in-adults-the-diagnosis-of-adhd-in-adults-poses-unique-challenges-due-to-the-subtlety-of-symptoms-and-the-presence-of-comorbidities/1E80ADB873F5951ADC81D7E79BE49C96
Weibel et al. (2020). https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0013700619302507
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Ich würde den Beitrag gerne in meinem Newsletter von ADHSSpektrum (https://steadyhq.com/de/adhsspektrum/about) bzw. meiner Skool-Community für ADHS verbreiten.
Aufklärung ist ja nun gerade bei ADHS / Autismus-Spektrum immer noch notwendig
Sehr gerne – ich glaube da ziehen wir zu 100% an einem Strang!