Wohlbefinden am Arbeitsplatz: Was 41 % der Beschäftigten wichtiger ist als mehr Gehalt

Kurz gefasst

Wohlbefinden am Arbeitsplatz ist vielen mehr wert als eine Gehaltserhöhung: 41 % der Beschäftigten in sechs europäischen Ländern ist bessere Unterstützung für ihr Wohlbefinden wichtiger als 10 % mehr Gehalt. 46 % würden die Gehaltserhöhung wählen (TELUS Mental Health Index, Jänner 2025).

Ein Programm dafür steht auf drei Säulen und muss auch für neurodivergente Mitarbeiter:innen funktionieren. Was es dem Unternehmen bringt, steht weiter unten.

Angenommen, in deinem Budget ist Platz für genau eine Sache: eine Gehaltsrunde oder ein Programm für das Wohlbefinden am Arbeitsplatz. Der Reflex sagt Gehalt. Eine Befragung in sechs europäischen Ländern zeigt, dass 41 % der Beschäftigten anders wählen würden.

Mehr Geld bleibt die häufigste Antwort. Knapp.

Wohlbefinden am Arbeitsplatz: Was steckt hinter den 41 %?

Im Jänner 2025 hat TELUS Health je 500 Beschäftigte in Deutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Polen und Spanien gefragt, was ihnen wichtiger ist: 10 % mehr Gehalt oder bessere Unterstützung für ihr Wohlbefinden. 41 % wählten das Wohlbefinden, 46 % das Gehalt und 13 % keines von beiden (TELUS Health, 2025).

Im Oktober 2023 hatten sich in denselben Ländern erst 32 % für das Wohlbefinden entschieden und 57 % für das Gehalt. Das Gehalt liegt also weiter vorn. Der Abstand ist in 15 Monaten von 25 auf 5 Prozentpunkte geschrumpft.

Ehrlich dazu: Österreich war nicht dabei. Die Zahlen stammen aus einer Online-Befragung eines Anbieters, der selbst Programme für Wohlbefinden verkauft. Wissenschaftlich begutachtet ist sie nicht. Der Bericht zeigt auch, wer sich für das Wohlbefinden entscheidet: Diese Gruppe hat mit 57,9 von 100 Punkten den niedrigsten Wert im Index für psychische Gesundheit, die Gehaltsgruppe liegt bei 64,7.

Für dich als Führungskraft heißt das: Den Wunsch nach Unterstützung äußern vor allem die Menschen, denen es im Schnitt schlechter geht.

Warum ist Wohlbefinden heute wichtiger denn je?

Die letzten Jahre haben gezeigt, wie fragil der Alltag sein kann. Das wirkt sich auf die Gesundheit aus, psychisch und körperlich.

Viele Mitarbeiter:innen suchen mehr als einen Job. Sie suchen ein Arbeitsumfeld, das sie unterstützt und wertschätzt und in dem neben der Arbeit ein ausgeglichenes Leben Platz hat.

Jetzt denkst du vielleicht: Ein gutes Gehalt gleicht das aus. Kurzfristig kann ein hohes Gehalt locken. Chronischer Stress und fehlende Work-Life-Balance machen auf lange Sicht trotzdem unzufrieden, mangelnde Wertschätzung auch. Dann folgen Burnout und hohe Fluktuation.

Unternehmen, die das erkennen und früh handeln, werden als Arbeitgeber attraktiver. Und sie bauen eine Belegschaft auf, die Belastungen besser aushält.

Welche Säulen hat ein Programm für Wohlbefinden am Arbeitsplatz?

Ein Wohlfühl-Programm ist mehr als ein Obstkorb und ein gelegentlicher Fitnesskurs. Es braucht eine Strategie, die mehrere Seiten des Arbeitslebens abdeckt. Drei Säulen tragen es.

Work-Life-Balance

Dazu gehören flexible Arbeitszeiten, Home-Office-Optionen, Vertrauensarbeitszeit und eine Kultur, die Überstunden nicht glorifiziert. Im Kern geht es darum, dass Mitarbeiter:innen die Kontrolle über ihre Zeit und ihre Energie zurückbekommen.

Stressmanagement und mentale Gesundheit

Mitarbeiter:innen brauchen Zugang zu professioneller Unterstützung, zum Beispiel psychologische Beratung, Kurse zur Stressbewältigung oder Achtsamkeitsprogramme. Dazu gehört, dass am Arbeitsplatz offen über mentale Gesundheit gesprochen wird. Das hilft, Stigma abzubauen und Hilfsangebote zugänglich zu machen.

Physische Gesundheit

Neben ergonomischen Arbeitsplätzen können Programme für Bewegung und gesunde Ernährung einen Beitrag leisten. Hier darf der Obstkorb bleiben.

Was brauchen neurodivergente Mitarbeiter:innen für ihr Wohlbefinden?

Ein Punkt wird beim Wohlbefinden oft übersehen: die Bedürfnisse neurodivergenter Mitarbeiter:innen. Menschen mit Autismus, ADHS, Legasthenie oder Dyspraxie bringen eigene Talente und Perspektiven mit. Damit sie diese zeigen können, brauchen sie oft Anpassungen am Arbeitsumfeld oder an der Arbeitsweise.

Dazu gehören:

  • Anpassungen des Arbeitsplatzes, zum Beispiel ruhigere Bereiche oder eine spezielle Beleuchtung
  • klare Kommunikationsstrukturen und klare Erwartungen
  • flexible Arbeitsmodelle
  • Führungskräfte mit Verständnis, die im Umgang mit neurodiversen Teams geschult sind

Diese Art von Inklusion ist ein Zeichen von Fürsorge. Sie erschließt außerdem Talent, das sonst ungenutzt bleibt.

Rechnet sich Wohlbefinden? Der Return on Investment (ROI)

Die Frage lautet, wie die Investition in das Wohlbefinden deiner Mitarbeiter:innen am meisten bewirkt. Die Vorteile zeigen sich an mehreren Stellen und zahlen sich langfristig aus:

  • Produktivität: Zufriedene und gesunde Mitarbeiter:innen sind engagierter und leistungsfähiger.
  • Fehlzeiten: Programme zur Gesundheitsförderung senken krankheitsbedingte Ausfälle.
  • Fluktuation: Ein unterstützendes Umfeld bindet Mitarbeiter:innen und spart Kosten für Neueinstellungen.
  • Attraktivität als Arbeitgeber: Unternehmen mit einem starken Fokus auf Wohlbefinden ziehen gefragte Fachkräfte an.
  • Unternehmenskultur: Eine Kultur, die Fürsorge und Wertschätzung zeigt, stärkt Zusammenhalt und Loyalität.

Was heißt das für Führungskräfte und HR?

Bevor du ein Programm einkaufst, lohnt der Blick darauf, wo in deinem Unternehmen Belastung entsteht: bei der Arbeitszeit, im Arbeitsumfeld, in der Kommunikation oder in der Führung. Wie sich das strukturiert erheben lässt, steht auf der Seite Evaluierung psychischer Belastungen.

Fazit: Zeit zu handeln

Wohlbefinden am Arbeitsplatz ist eine strategische Aufgabe. Sie liegt bei Führungskräften und HR.

Was du morgen tun kannst: Geh die drei Säulen durch und schreib zu jeder auf, was es bei euch gibt und ob es reicht. Prüf dann die vier Punkte für neurodivergente Kolleg:innen – ruhige Bereiche, klare Erwartungen, flexible Arbeitsmodelle, geschulte Führungskräfte. Wo eine Zeile leer bleibt, fängst du an.

Quellen

TELUS Health (2025). TELUS Mental Health Index. Pan-Europe, January 2025. https://go.telushealth.com/hubfs/MHI%202025/January_2025_Pan%20Europe_EN_MHI_Report.pdf

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Julie Simstich
Fachlich geprüft von Julie Simstich

Julie Simstich – Arbeits- & klinische Psychologin (in Fachausbildung), Organisationssoziologin, TEDx-Speakerin, WKO/UBIT Expert Group Human Resources (Steiermark). Sie begleitet Unternehmen bei Neuroinklusion und arbeitet klinisch am PSY2 Institut Gleisdorf. Mehr über Julie → · LinkedIn

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