Hyperfokus bei ADHS: Was er ist und wie er sich von Flow unterscheidet

Kurz gefasst

Hyperfokus ist ein Zustand intensiver Konzentration, in dem du alles um dich herum ausblendest. Bei ADHS setzt er oft unwillkürlich ein und lässt sich schwer abbrechen.

Flow sieht von außen ähnlich aus. Er entsteht, wenn eine Aufgabe deine Fähigkeiten fordert, ohne dich zu überfordern, und du behältst die Kontrolle. Hyperfokus ohne ADHS kommt vermutlich ebenfalls vor. Menschen mit vielen ADHS-Symptomen berichten häufiger davon.

Angenommen, du willst vor dem Mittagessen nur kurz eine Formel in einer Tabelle reparieren. Als du wieder aufschaust, ist es draußen dunkel und der Kaffee kalt. Gegessen hast du nichts.

Was ist Hyperfokus, und ist das dasselbe wie Flow? Die beiden Begriffe werden oft gleichgesetzt. Für Menschen mit ADHS und ihre Angehörigen wirken sie sich im Alltag verschieden aus. Wie du den Zustand für dich arbeiten lässt, steht im Artikel Hyperfokus nutzen.

Was ist Hyperfokus?

Hyperfokus ist ein Zustand intensiver Konzentration. In dieser „Tiefenversunkenheit“ bist du so vollständig in eine Tätigkeit vertieft, dass alles andere verschwindet. Erwachsene mit ADHS lassen sich leicht ablenken und berichten trotzdem oft von langen Phasen hoch konzentrierter Aufmerksamkeit (Hupfeld et al., 2019).

Eine einheitliche Definition fehlt bisher. Ashinoff und Abu-Akel schlagen vier Merkmale vor: Der Zustand entsteht durch die Beschäftigung mit einer Aufgabe. Die Aufmerksamkeit ist intensiv und dabei anhaltend oder selektiv. Reize außerhalb der Aufgabe nimmst du schwächer wahr, und die Leistung in der Aufgabe steigt (Ashinoff & Abu-Akel, 2021).

Der ADHS-Hyperfokus kann Segen und Fluch sein. Er macht erstaunliche Leistungen möglich – und lässt nebenbei wichtige Pflichten liegen.

Hyperfokus-Symptome: Woran erkennst du ihn?

In der psychiatrischen Literatur wurde Hyperfokus lange als Symptom von ADHS, Autismus oder Schizophrenie verstanden (Grotewiel et al., 2022). Im Alltag zeigt er sich an sechs Anzeichen:

  • Intensive, anhaltende Konzentration: Du bleibst stundenlang bei einer Sache.
  • Selektive Aufmerksamkeit: Alles gilt der aktuellen Aufgabe, anderes Wichtige blendest du aus.
  • Einstieg ohne Entscheidung: Der Hyperfokus beginnt oft unwillkürlich.
  • Verlorenes Zeitgefühl: Dein Empfinden für die Zeit ist stark verzerrt.
  • Übergangene Bedürfnisse: Hunger, Durst oder Müdigkeit nimmst du oft gar nicht wahr.
  • Schwieriger Abbruch: Es fällt dir schwer, dich zu lösen und umzuschalten.

Wie wirkt sich Hyperfokus im Alltag aus?

Bei bestimmten Aufgaben oder Hobbys ist die Fähigkeit zum Hyperfokus ein Vorteil. Er setzt voraus, dass die Aufgabe Spaß macht oder interessant ist (Ashinoff & Abu-Akel, 2021).

In der Lebensführung wird er zum Problem, sobald anderes liegen bleibt. Das sind häufig soziale Verpflichtungen, berufliche Deadlines oder sogar gesundheitliche Bedürfnisse.

Gibt es Hyperfokus ohne ADHS?

Vermutlich ja. Zu Hyperfokus ohne ADHS schreiben Ashinoff und Abu-Akel, die meisten neurotypischen Menschen würden wohl berichten, so einen Zustand schon einmal erlebt zu haben (Ashinoff & Abu-Akel, 2021).

Mit ADHS wird er häufiger berichtet. Hupfeld und Kolleg:innen ließen zwei Stichproben mit 251 und 372 Erwachsenen mit und ohne ADHS einen Fragebogen ausfüllen. Wer mehr ADHS-Symptome angab, berichtete von mehr Hyperfokus, und zwar in jedem der drei Bereiche Schule, Hobbys und Bildschirmzeit (Hupfeld et al., 2019). Die Ergebnisse beruhen auf Selbstauskünften.

Was ist Flow?

Das Flow-Konzept hat der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi in den 1970er Jahren entwickelt. Flow beschreibt einen Zustand optimaler Erfahrung: Du gehst vollkommen in einer Tätigkeit auf und erlebst dabei viel Freude und Zufriedenheit. Die Motivation kommt aus der Sache selbst.

Wie ist das Flow-Konzept entstanden?

Csikszentmihalyi beobachtete Künstler:innen, Sportler:innen und andere Menschen, die so in ihre Tätigkeit vertieft waren, dass sie Zeit und Raum vergaßen. Daraus entstand seine Theorie. Menschen sind demnach am glücklichsten, wenn sie sich ganz auf eine Herausforderung einlassen, die ihre Fähigkeiten genau fordert und dabei nicht überfordert.

Als weitere Bedingungen für Flow gelten klare Nahziele und eine unmittelbare Rückmeldung zum Fortschritt (Ashinoff & Abu-Akel, 2021).

Woran erkennst du Flow?

  • Gleichgewicht zwischen Herausforderung und Fähigkeit: Die Aufgabe fordert deine Fähigkeiten voll, ohne sie zu übersteigen.
  • Das Ich tritt zurück: Gedanken über dich selbst rücken in den Hintergrund, du fühlst dich eins mit der Tätigkeit.
  • Kontrolle über die Tätigkeit: Du kannst sie steuern und erfolgreich bewältigen.
  • Verlorenes Zeitgefühl: Wie beim Hyperfokus kann die Zeit verzerrt wirken.
  • Intrinsische Motivation: Der Antrieb kommt von innen. Äußere Belohnungen oder Zwänge steuern dich dabei kaum.
  • Hohe Konzentration und Leistungsfähigkeit: Du rufst deine volle Leistung ab, und die Aufgabe geht leicht von der Hand.

Hyperfokus und Flow: Was sind die Hauptunterschiede?

Die wichtigsten Unterschiede zwischen ADHS-Hyperfokus und Flow liegen in der Kontrollierbarkeit und in den Auswirkungen auf den Alltag.

MerkmalHyperfokusFlow
KontrollierbarkeitUnwillkürlich, tritt oft unerwartet aufWillentlich erreichbar über Rahmenbedingungen und Aktivitäten
AuslöserStimulierende Aufgaben, Interessen, NeuheitenHerausfordernde Aufgaben, die den Fähigkeiten entsprechen
AufmerksamkeitEine einzige Tätigkeit, alles andere wird ausgeblendetVolle Aufmerksamkeit, offen für relevante Reize aus der Umgebung
MotivationVon innen oder von außenVor allem von innen
Auswirkungen auf den AlltagKann zur Vernachlässigung von Pflichten führenFördert Wohlbefinden, Produktivität und Lebenszufriedenheit
Vergleich von Hyperfokus und Flow nach Steuerbarkeit, Auslöser, Aufmerksamkeit und Folgen, dazu zwei Studien mit unterschiedlichen Antworten auf die Frage, ob beides dasselbe ist.

Wie scharf diese Grenze ist, beantworten zwei Arbeiten verschieden. Ashinoff und Abu-Akel schlagen vor, Flow und Hyperfokus als dasselbe Phänomen zu verstehen (Ashinoff & Abu-Akel, 2021).

Eine Befragung von Studierenden zeigt ein anderes Bild. Die meisten Elemente von Hyperfokus hingen mit den meisten Aspekten von Flow negativ oder gar nicht zusammen. Studierende mit klinisch bedeutsamen ADHS-Symptomen berichteten von mehr Hyperfokus und hatten bei den meisten Flow-Aspekten niedrigere Werte als Studierende ohne ADHS (Grotewiel et al., 2022).

Welche Strategien helfen im Umgang mit ADHS-Hyperfokus?

Der Hyperfokus braucht einen Rahmen. Mehr dazu steht im Artikel Streufokus und Hyperfokus steuern.

  • Hyperfokus erkennen: Typische Anzeichen sind verlorene Zeit, übergangene Bedürfnisse und Mühe beim Aufhören.
  • Umgebung strukturieren: Schaff dir Ruhe ohne Ablenkung, wenn du den Hyperfokus produktiv einsetzen kannst.
  • Zeit begrenzen: Setz dir klare Zeitlimits für Aufgaben im Hyperfokus. Plane Puffer für alles andere ein.
  • Prioritäten setzen: Leg vorher fest, was am wichtigsten ist, und richte den Hyperfokus darauf.
  • Belohnungen einplanen: Belohne dich, wenn du eine Aufgabe im Hyperfokus abgeschlossen hast.
  • Professionelle Unterstützung suchen: Führt der Hyperfokus zu Problemen im Alltag, kann Hilfe durch eine:n Therapeut:in oder Coach sinnvoll sein.

Wie förderst du Flow?

Flow lässt sich vorbereiten:

  • Herausfordernde Aufgaben suchen: Such dir Tätigkeiten, die deine Fähigkeiten genau richtig fordern.
  • Klare Ziele setzen: Leg ein klares, erreichbares Ziel fest.
  • Fähigkeiten entwickeln: Investiere Zeit und Energie in dein Können.
  • Ablenkungen minimieren: Räum Störquellen weg und bleib bei der einen Aufgabe.
  • Auf die Gegenwart achten: Lass störende Gedanken ziehen und bleib im Moment.
  • Den Prozess genießen: Achte auf die Freude an der Tätigkeit selbst, das Ergebnis kommt danach.
  • Dankbarkeit üben: Halte fest, dass du diese Erfahrung machen kannst.

Was heißt das für Führungskräfte und HR?

Für dich als Führungskraft heißt das: Wer im Hyperfokus arbeitet, blendet anderes aus und löst sich schwer von der Aufgabe. Flow entsteht eher, wenn eine Aufgabe die Fähigkeiten fordert und das Ziel klar ist. Mit einer gezielten Aufgabenvergabe bei ADHS kannst du Hyperfokus und Flow stärken. Wie Unternehmen dafür den Rahmen schaffen, steht auf der Seite Neurodiversität im Unternehmen.

Fazit: Hyperfokus und Flow unterscheiden

Hyperfokus und Flow sehen von außen ähnlich aus. Auseinanderhalten lohnt sich trotzdem, für Menschen mit ADHS und für ihre Familien. Flow kannst du anstreben und vorbereiten. Hyperfokus braucht eigene Strategien, damit der Rest des Tages nicht untergeht.

Morgen kannst du zwei Dinge tun. Achte darauf, bei welchen Tätigkeiten du Zeit und Hunger vergisst. Und setz dir vor der nächsten davon ein Zeitlimit.

Quellen

Hupfeld, K. E., Abagis, T. R. & Shah, P. (2019). Living “in the zone”: hyperfocus in adult ADHD. ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders, 11, 191–208. https://doi.org/10.1007/s12402-018-0272-y

Ashinoff, B. K. & Abu-Akel, A. (2021). Hyperfocus: the forgotten frontier of attention. Psychological Research, 85, 1–19. https://doi.org/10.1007/s00426-019-01245-8

Groen, Y. et al. (2020). Testing the relation between ADHD and hyperfocus experiences. Research in Developmental Disabilities, 107, 103789. https://doi.org/10.1016/j.ridd.2020.103789

Grotewiel, M. M., Crenshaw, M. E., Dorsey, A. & Street, E. (2022). Experiences of hyperfocus and flow in college students with and without Attention Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD). Current Psychology. https://doi.org/10.1007/s12144-021-02539-0

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Julie Simstich
Fachlich geprüft von Julie Simstich

Julie Simstich – Arbeits- & klinische Psychologin (in Fachausbildung), Organisationssoziologin, TEDx-Speakerin, WKO/UBIT Expert Group Human Resources (Steiermark). Sie begleitet Unternehmen bei Neuroinklusion und arbeitet klinisch am PSY2 Institut Gleisdorf. Mehr über Julie → · LinkedIn