Kurz gefasst
ADHS bei Kindern erkennen heißt: auf Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität achten. Das DSM-5 verlangt mindestens sechs von neun Symptomen eines Bereichs, ab 17 Jahren fünf. Sie bestehen seit mindestens sechs Monaten, mehrere davon schon vor dem zwölften Lebensjahr, und zeigen sich in mindestens zwei Lebensbereichen. Die Checkliste im Artikel gibt die Symptome wieder, die das Diagnosehandbuch DSM-5 nennt: neun je Bereich.
Sie hilft dir bei der Frage, ob eine Abklärung sinnvoll ist. Eine Diagnose stellen nur dafür ausgebildete Fachpersonen.
Angenommen, die Lehrerin sagt dir beim Elternsprechtag zum dritten Mal, dein Kind sitze keine fünf Minuten still. Am Abend suchst du nach „ADHS bei Kindern erkennen“ und landest bei einer Checkliste mit Symptomen, von denen dir einige sehr bekannt vorkommen.
Ich bin Klinische Psychologin in Fachausbildung. Dieser Artikel ersetzt keine Abklärung und soll keine Selbstdiagnose fördern. Eine Diagnose stellen nur dafür ausgebildete Fachpersonen, in Österreich Fachärzt:innen und Klinische Psycholog:innen. Die Einzelheiten für Österreich und Deutschland stehen weiter unten. Ein gut informierter Blick auf Verhaltensmuster und Schwierigkeiten hilft dir trotzdem bei der Entscheidung, ob eine fachliche Abklärung sinnvoll ist.
ADHS Checkliste für Kinder: Welche Symptome zählen für die Diagnose?
Mein beruflicher Schwerpunkt ist die Arbeit mit Erwachsenen mit ADHS. ADHS hat aber eine starke genetische Komponente (Faraone & Larsson, 2019). Deshalb bekomme ich immer wieder dieselbe Frage: Woran erkenne ich ADHS bei meinem eigenen Kind?
Die Checkliste ist in erster Linie für Kinder gedacht. Sie ist eine Orientierungshilfe und kein Diagnosewerkzeug.
Die ersten beiden Listen geben die je neun Symptome wieder, die das DSM-5 für Unaufmerksamkeit und für Hyperaktivität und Impulsivität nennt (SAMHSA, 2016). Das DSM-5 ist das Handbuch, nach dem Diagnostiker:innen psychische Erkrankungen einordnen. Die Punkte sind sinngemäß ins Deutsche übertragen, einzelne Beispiele sind ergänzt. Ein amtlicher Wortlaut ist das nicht. Jeder Punkt meint Verhalten, das oft auftritt.
Unaufmerksamkeit
- a. Das Kind hat Schwierigkeiten, seine Aufmerksamkeit auf Details zu richten, und macht oft Flüchtigkeitsfehler bei Hausaufgaben oder anderen Aufgaben.
- b. Dem Kind fällt es oft schwer, bei Aufgaben oder beim Spielen länger aufmerksam zu bleiben, etwa im Unterricht, in Gesprächen oder bei längerem Lesen.
- c. Oft wirkt das Kind, als würde es nicht zuhören, selbst wenn direkt mit ihm gesprochen wird. Es scheint mit den Gedanken woanders zu sein, auch ohne erkennbare Ablenkung.
- d. Anweisungen werden häufig nicht vollständig befolgt und Aufgaben nicht zu Ende geführt. Das Kind fängt an, verliert schnell den Faden und lässt sich leicht ablenken.
- e. Das Kind hat Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren. Es verliert oft die Übersicht, beginnt Aufgaben ohne klare Struktur und kann schlecht mit der Zeit umgehen.
- f. Das Kind meidet Aufgaben, die länger andauernde geistige Anstrengung erfordern, wie Schularbeiten oder Hausaufgaben. Es mag sie nicht oder geht nur widerwillig daran.
- g. Es verliert häufig wichtige Gegenstände, die es für Aufgaben oder Aktivitäten benötigt, wie Schulmaterialien oder Schlüssel.
- h. Das Kind wird leicht durch äußere Reize wie Geräusche oder schnelle Bewegungen abgelenkt.
- i. Das Kind ist bei alltäglichen Tätigkeiten oft vergesslich, zum Beispiel bei Aufgaben im Haushalt oder bei Besorgungen.
Hyperaktivität und Impulsivität
- a. Hände und Füße des Kindes sind oft in Bewegung: Es zappelt, klopft oder rutscht auf dem Stuhl hin und her.
- b. Das Kind steht oft auf, wenn Sitzenbleiben erwartet wird, zum Beispiel im Unterricht.
- c. Es klettert oder rennt herum in Situationen, in denen dies nicht angebracht ist, wie zum Beispiel in Geschäften oder bei öffentlichen Veranstaltungen. Bei Jugendlichen kann davon ein Gefühl der Unruhe bleiben.
- d. Das Kind kann oft nicht ruhig spielen oder sich in der Freizeit ruhig beschäftigen.
- e. Das Kind wirkt oft getrieben, als liefe in ihm ein Motor. Längere Zeit still zu bleiben, etwa im Restaurant, fällt ihm schwer oder ist ihm unangenehm.
- f. Das Kind redet oft auffallend viel.
- g. Das Kind platzt oft mit Antworten heraus, bevor die Frage vollständig gestellt ist. Es beendet die Sätze anderer oder kann im Gespräch nicht abwarten.
- h. Dem Kind fällt es oft schwer zu warten, bis es an der Reihe ist, zum Beispiel in einer Warteschlange.
- i. Das Kind unterbricht oder stört andere oft. Es platzt in Gespräche, Spiele oder Aktivitäten hinein oder benutzt Dinge anderer, ohne zu fragen.
Ergänzende Beobachtungen, die nicht zu den DSM-5-Kriterien gehören
Die folgenden Punkte stehen nicht unter den 18 Symptomen des DSM-5. Für die Mindestzahl von sechs Symptomen zählen sie nicht mit. Notieren und zum Termin mitnehmen kannst du sie trotzdem.
- Das Kind handelt oft unüberlegt und ohne die Konsequenzen seines Verhaltens zu bedenken, was häufig zu impulsiven Entscheidungen führt.
- Es reagiert übermäßig schnell und intensiv, oft ohne offensichtlichen Grund, und hat Schwierigkeiten, seine Emotionen zu kontrollieren.
- Das Kind nimmt sich nicht die notwendige Zeit für Aufgaben und ist schnell frustriert, wenn Dinge nicht sofort gelingen.
- Es zeigt risikoreiches Verhalten, ohne die Gefahren zu erkennen oder zu berücksichtigen.
- Das Kind ist selbst beim Schlafen unruhig und ändert oft seine Lage.
Der erste und der vierte Punkt ähneln einem Symptom der ICD-11, der neueren Fassung der internationalen Klassifikation der Krankheiten. Laut einem Fachkommentar, der beide Systeme vergleicht, führt sie anders als das DSM-5 auch die Neigung an, auf unmittelbare Reize hin zu handeln, ohne Risiken und Folgen abzuwägen (Gomez et al., 2023).
Zusätzliche Kriterien für die ADHS-Diagnose
Angekreuzte Symptome allein ergeben noch keine Diagnose. Das DSM-5 verlangt, dass alle folgenden Bedingungen erfüllt sind (SAMHSA, 2016):
- A. Mindestens sechs der neun Symptome eines Bereichs bestehen seit mindestens sechs Monaten. Ihr Ausmaß passt nicht zum Entwicklungsstand des Kindes und beeinträchtigt Schule und soziales Leben unmittelbar. Trotz, Feindseligkeit oder nicht verstandene Aufgaben reichen als alleinige Erklärung nicht aus. Ab 17 Jahren genügen fünf Symptome.
- B. Mehrere Symptome waren schon vor dem Alter von zwölf Jahren vorhanden.
- C. Mehrere Symptome zeigen sich in zwei oder mehr Lebensbereichen, zum Beispiel zu Hause und in der Schule, bei Freund:innen oder Verwandten.
- D. Es ist klar erkennbar, dass die Symptome das Zurechtkommen in der Schule oder im sozialen Umfeld stören oder dessen Qualität mindern.
- E. Eine andere psychische Störung, zum Beispiel eine Angststörung oder eine affektive Störung, erklärt die Symptome nicht besser. Die Symptome treten auch nicht ausschließlich im Verlauf einer Schizophrenie oder einer anderen psychotischen Störung auf.
Schilddrüse, Seh- und Hörvermögen stehen nicht unter den Kriterien des DSM-5. Sie gehören zur körperlichen Abklärung. Die deutsche S3-Leitlinie zählt die körperliche und vor allem die neurologische Untersuchung zur Diagnostik. Organische Erkrankungen können laut Leitlinie Verhalten auslösen, das fälschlich als ADHS-Symptom gedeutet wird; sie nennt Seh- oder Hörstörungen, Anfallsleiden und Schilddrüsenfunktionsstörungen (AWMF, 2018). Laborwerte routinemäßig zu prüfen, ist demnach nicht erforderlich.
Das DSM-5 ist nicht das einzige System. In Österreich wird die Diagnose derzeit noch nach den Kriterien der ICD-10 gestellt (Gesundheitsportal Österreich, 2025), und die deutsche S3-Leitlinie verlangt, dass die Kriterien von ICD-10 oder DSM-5 erfüllt sind (AWMF, 2018). Die ICD-11 stimmt laut dem Fachkommentar mit dem DSM-5 im Beginn vor zwölf Jahren, in der Dauer von mindestens sechs Monaten und im Auftreten in mehreren Lebensbereichen überein. Eine Mindestzahl nennt sie nicht: Es müssen „mehrere“ Symptome vorliegen (Gomez et al., 2023).
Wer stellt die ADHS-Diagnose bei Kindern?
Für Österreich nennt das öffentliche Gesundheitsportal als Anlaufstellen Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapeutische Medizin und spezialisierte ADHS-Ambulanzen. Der erste Weg kann auch zu Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendheilkunde führen, die bei Bedarf weitere Abklärungen einleiten. Die Ärztin oder der Arzt erhebt die Krankengeschichte und untersucht das Kind körperlich, auch um andere Ursachen für die Symptome auszuschließen. Ergänzend kommt meist eine klinisch-psychologische Diagnostik dazu (Gesundheitsportal Österreich, 2025).
Die klinisch-psychologische Diagnostik ist in Österreich Klinischen Psycholog:innen vorbehalten, ebenso die Befunde und Gutachten, die darauf aufbauen. Was Ärzt:innen nach dem Ärztegesetz dürfen, bleibt davon unberührt (§ 22 Abs. 2 Psychologengesetz 2013).
In Deutschland sollte die Diagnose bei Kindern und Jugendlichen laut S3-Leitlinie von Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen, Psychologischen Psychotherapeut:innen mit Zusatzqualifikation für Kinder und Jugendliche oder Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendmedizin mit Erfahrung und Fachwissen in der ADHS-Diagnostik gestellt werden (AWMF, 2018). Die Fassung von 2018 ist abgelaufen. Die überarbeitete Fassung 2.0 mit Stand 2026 nennt zusätzlich Fachpsychotherapeut:innen für Kinder und Jugendliche sowie Fachpsychotherapeut:innen für neuropsychologische Psychotherapie (DGPPN/AWMF, 2026).
Die Absätze geben wieder, was in den Quellen steht. Eine Rechtsberatung dazu, wer eine Diagnose stellen darf, sind sie nicht.
Warum zeigen sich die Symptome manchmal gar nicht?
Die Symptome sind nicht in jeder Situation gleich stark. Laut dem Fachkommentar hält die ICD-11 fest, dass sie je nach Struktur und Anforderungen der Umgebung schwanken können und dass Unaufmerksamkeit bei anregenden, belohnenden Tätigkeiten weniger auffällt (Gomez et al., 2023). Das österreichische Gesundheitsportal schreibt, passende Bedingungen im Umfeld und Alltag könnten die Symptome stark in den Hintergrund drängen (Gesundheitsportal Österreich, 2025). Auch während der Untersuchung müssen sie laut deutscher Leitlinie nicht auftreten (AWMF, 2018).
Jetzt denkst du vielleicht: Mein Kind kann doch stillhalten, wenn es etwas wirklich will. Das ist dann kein Argument gegen die Diagnose. Es passt zu ihr. Auf diese Falle bin auch ich als Psychologin anfangs hereingefallen.
Oft heißt es, ADHS sei eine Dopamin-Mangel-Erkrankung. So einfach ist es nach heutigem Stand nicht. Die Ursachen von ADHS sind laut dem deutschen Institut IQWiG nicht abschließend geklärt. Untersuchungen zeigen demnach, dass der Transport des Botenstoffs Dopamin an den Nervenzellen im Gehirn verändert ist (IQWiG, 2022). Das österreichische Gesundheitsportal schreibt, eine Störung im Stoffwechsel von Dopamin und Noradrenalin in der Großhirnrinde dürfte mitwirken (Gesundheitsportal Österreich, 2025).
Verändert heißt noch nicht zu wenig. Eine narrative Übersichtsarbeit über Befunde aus mehr als 40 Jahren kommt 2024 zu dem Schluss: Es gibt Belege dafür, dass Dopamin an ADHS beteiligt ist, aber nur begrenzte Belege für einen Dopaminmangel als zentralen Bestandteil von ADHS (MacDonald et al., 2024).

ADHS bei Kindern erkennen – eine persönliche ADHS Geschichte
Meine Tochter konnte und wollte nie still sitzen oder still stehen. An der Kasse ging es so wenig wie am Spielplatz oder am Esstisch, und in der Schule nur mit viel Druck und Gruppenzwang.
Dann stand ihre ADHS-Diagnose im Raum. Ich saß vor diesen Checklisten und dachte: Das kann es nicht sein. Beim Voltigierturnier konnte sie 60 Minuten lang still stehen. Sie hat „performt“. Ein Kind, das 60 Minuten still stehen kann, hat kein ADHS – dachte ich.
Falsch gedacht. Dass sie in dieser Drucksituation still stehen konnte und ohne Druck nicht, passte zu ADHS.
Es war ein Turnier. Sie wollte eine Medaille, sie wollte gut sein. Aufregung und Druck kamen zusammen, und sie hatte ein Ziel. Unter diesen Bedingungen konnte sie „normal“ sein.
Was dabei in ihrem Körper ablief, lässt sich im Nachhinein nicht sagen. Eine Erklärung über Cortisol, Adrenalin oder Dopamin im Blut wäre Spekulation.
Mein Eindruck: Der Stress hat ihr geholfen. Mehr dazu steht im Artikel zu ADHS und Stress.
Wann „funktionieren“ Kinder mit ADHS besonders gut?
Bei ADHS gibt es Situationen, in denen das Kind plötzlich besonders gut „funktioniert“ – entschuldige die Ausdrucksweise. Dann passen die Umgebungsfaktoren zur „Krankheit“. Das gilt vor allem für den hyperaktiv-impulsiven Typ, kurz HI-Typ.
Oft sind es genau die Situationen, in denen andere Kinder überfordert sind oder nicht mitmachen wollen. Dort haben Kinder mit ADHS vom HI-Typ ihre Stärke. Um Erwachsene im Beruf geht es im Artikel Führungskraft mit ADHS: Wenn der Chef ADHS hat.
Erkennst du dein Kind in vielen Punkten der Checkliste wieder, ist der nächste Schritt ein Termin bei einer Fachperson.
Quellen
AWMF (2018). Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. S3-Leitlinie, AWMF-Registernummer 028-045, Kurzfassung. https://register.awmf.org/assets/guidelines/028-045k_S3_ADHS_2018-06-abgelaufen.pdf
Faraone, S. V. & Larsson, H. (2019). Genetics of attention deficit hyperactivity disorder. Molecular Psychiatry, 24(4), 562–575. https://doi.org/10.1038/s41380-018-0070-0
Gesundheitsportal Österreich (2025). ADHS bei Kindern und Jugendlichen. Letzte Aktualisierung 17. Dezember 2025. https://www.gesundheit.gv.at/krankheiten/psyche/adhs-kinder.html
Gomez, R., Chen, W. & Houghton, S. (2023). Differences between DSM-5-TR and ICD-11 revisions of attention deficit/hyperactivity disorder: A commentary on implications and opportunities. World Journal of Psychiatry, 13(5), 138–143. https://doi.org/10.5498/wjp.v13.i5.138
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2022). Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS). gesundheitsinformation.de, aktualisiert am 4. Mai 2022. https://www.gesundheitsinformation.de/aufmerksamkeitsdefizit-und-hyperaktivitaetsstoerung-adhs.html
MacDonald, H. J., Kleppe, R., Szigetvari, P. D. & Haavik, J. (2024). The dopamine hypothesis for ADHD: An evaluation of evidence accumulated from human studies and animal models. Frontiers in Psychiatry, 15. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2024.1492126
Psychologengesetz 2013, BGBl. I Nr. 182/2013, § 22 (Berufsumschreibung der Klinischen Psychologie). Rechtsinformationssystem des Bundes, abgerufen am 7. Oktober 2026. https://www.ris.bka.gv.at/NormDokument.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=20008552&Paragraf=22
Substance Abuse and Mental Health Services Administration (2016). DSM-5 Changes: Implications for Child Serious Emotional Disturbance. Table 7: DSM-IV to DSM-5 Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Comparison. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK519712/table/ch3.t3/
Du willst herausfinden, was dir im Alltag und im Job hilft? Im ADHS-Coaching und im Autismus- und AuDHS-Coaching arbeiten wir an deinen konkreten Situationen. Erstgespräch anfragen →

