Kurz gefasst
Was ist ADHS? Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ist zu einem großen Teil erblich und betrifft Aufmerksamkeit und Impulskontrolle. ADHS bei Erwachsenen wird in Deutschland auf 4,7 Prozent geschätzt. Eine Diagnose hatten in Kassendaten von 2014 nur 0,4 Prozent, seither steigen die Neudiagnosen.
Zwischen Schätzung und Diagnosen liegt eine große Lücke. Maßnahmen am Arbeitsplatz sind kaum untersucht. In Interviews beschreiben Menschen mit ADHS Flexibilität als Hilfe und unverlässliche Unterstützung als Stressquelle.
Angenommen, jemand in deinem Team liefert unter Zeitdruck die beste Idee des Quartals und vergisst in derselben Woche zwei Abgabetermine. Du hältst das für eine Frage der Disziplin. Vielleicht ist es eine Frage der Neurobiologie.
ADHS gilt als Thema der klinischen Psychologie. In der Arbeitswelt taucht es genauso auf: in der Art, wie jemand Aufgaben angeht und Fristen hält. Dieser Text ist für Führungskräfte und Entscheider:innen geschrieben, die verstehen wollen, was ADHS bei Erwachsenen ist und was Menschen mit ADHS in ein Team einbringen.
Auf einen Blick: Was ist ADHS?

Allgemeines über ADHS bei Erwachsenen
Wie häufig ist ADHS?
Für Deutschland gibt es eine Schätzung aus einer Bevölkerungsstichprobe. Unter 1.655 Erwachsenen zwischen 18 und 64 Jahren lag die geschätzte Häufigkeit von ADHS bei 4,7 % (de Zwaan et al., 2012).
Diagnostiziert sind deutlich weniger. In den Daten der Krankenkasse AOK lag der Anteil der Versicherten zwischen 18 und 69 Jahren mit ADHS-Diagnose 2009 bei 0,2 % und 2014 bei 0,4 % (Bachmann et al., 2017). Zwischen Schätzung und Diagnose liegt eine große Lücke.
Wie hoch die Zahl ausfällt, hängt an der Definition. In einem US-Screening von 966 zufällig ausgewählten Erwachsenen erfüllten 2,9 % eine enge Definition von ADHS und 16,4 % eine weite, die auch Fälle knapp unter der Diagnoseschwelle einschließt (Faraone & Biederman, 2005).
Die Diagnosen holen auf. In den Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland stieg die Rate neuer ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen von 8,6 je 10.000 Versicherten im Jahr 2015 auf 25,7 im Jahr 2024 (Ivanova et al., 2025).
Aus der Schweiz gibt es eine Screening-Zahl für junge Männer: 4,0 % von 5.656 Männern, im Mittel 20 Jahre alt, befragt 2010 und 2011 bei der Rekrutierung (Estévez et al., 2014). Für Österreich fand sich keine Bevölkerungsstudie zu ADHS bei Erwachsenen.
Jetzt denkst du vielleicht: In meinem Team hat das niemand. Möglich. Nur sagt eine fehlende Diagnose darüber wenig.
Woher kommt ADHS?
Den größten Anteil hat die Vererbung. Über 37 Zwillingsstudien hinweg liegt die Erblichkeit von ADHS im Mittel bei 74 % (Faraone & Larsson, 2019). Das internationale Konsenspapier der World Federation of ADHD hält fest, dass bei den meisten Fällen viele Gene zusammenwirken (Faraone et al., 2021). Einige der Gene, die dabei auffallen, betreffen das Dopaminsystem, mehr dazu im nächsten Abschnitt.
Umwelteinflüsse wirken früh. Nach demselben Konsenspapier war ADHS bei sehr früh geborenen oder sehr leichten Babys etwa dreimal so häufig. Die Autor:innen sprechen bei solchen Umweltfaktoren bewusst von Korrelaten, also von Begleitumständen, deren ursächliche Rolle offen ist. Kurz gesagt: viel Genetik, dazu frühe Einflüsse.
Deep Dive: Dopamin und Gene
Über mehrere Studien hinweg zeigten acht Genvarianten einen statistisch gesicherten Zusammenhang mit ADHS. Sie liegen in sechs Genen, darunter das Gen für den Dopaminrezeptor D4 (DRD4), das für den Dopaminrezeptor D5 und das für den Dopamintransporter (Faraone & Larsson, 2019).
Die genomweiten Analysen haben dieses Bild verschoben. Unter ihren gesicherten Treffern war keines der klassischen Kandidatengene. Etwa ein Drittel der Erblichkeit geht nach derselben Übersicht auf viele häufige Genvarianten zurück, von denen jede wenig beiträgt. Das Konsenspapier ist ebenso vorsichtig: Ob die Kandidatengene wie DRD4 echte Risikogene sind, bleibt unsicher, bis eine genomweite Studie sie bestätigt (Faraone et al., 2021).
Dopamin beeinflusst Motivation und Antrieb und das Erleben von Freude und Belohnung. Das passt zu den Schwierigkeiten mit Konzentration und Impulskontrolle, die viele Menschen mit ADHS beschreiben. Das Dopaminsystem ist ein Baustein der Erklärung. Die genetischen Befunde zeigen, dass viele weitere Genvarianten beteiligt sind. ADHS hat eine biologische Grundlage. An Disziplin oder Willenskraft liegt es nicht, und mit passender Unterstützung und guten Strategien lässt sich damit arbeiten.
Mehr zur Rolle von Dopamin bei ADHS steht in einem eigenen Artikel.
Gibt es Geschlechtsunterschiede?
Ja, und sie verändern sich mit dem Alter. Laut Zusammenfassung einer Übersichtsarbeit wird ADHS in der Kindheit drei- bis 16-mal häufiger bei Jungen diagnostiziert, im Erwachsenenalter fast gleich oft bei Männern und Frauen (Babinski, 2024). Bei Symptomurteilen von Eltern und Lehrkräften ist der Abstand kleiner: Nach zwei Metaanalysen kommen etwa zwei Jungen auf ein Mädchen (Faraone et al., 2021).
In der deutschen Stichprobe von de Zwaan hing ADHS bei Erwachsenen nicht mit dem Geschlecht zusammen (de Zwaan et al., 2012). In einer US-Erhebung mit 34.653 Erwachsenen aus den Jahren 2004 und 2005 hatten Männer häufiger irgendwann im Leben ADHS. Bei anhaltendem ADHS unterschieden sich die Geschlechter statistisch nicht, Frauen hatten laut Zusammenfassung aber weniger hyperaktive Symptome und mehr Ängste (Cortese et al., 2016).
Eine Übersichtsarbeit schränkt ein: Viele Geschlechtsunterschiede bei Erwachsenen könnten zumindest teilweise an der Methodik liegen oder an sozialen und kulturellen Einflüssen (Williamson & Johnston, 2015).
In zwei placebokontrollierten Studien aus den Jahren 2000 und 2001 waren Frauen auf den ADHS-Skalen stärker beeinträchtigt als Männer. 37 % von ihnen zeigten emotionale Dysregulation, bei den Männern waren es 29 % (Robison et al., 2008). Die Autor:innen vermuten, dass diese emotionalen Symptome die ADHS-Diagnose bei Frauen verdecken können.
Eine mögliche Erklärung für die Annäherung: Viele Frauen bekommen ihre Diagnose erst als Erwachsene, weil ihr ADHS in der Kindheit nicht erkannt wurde. Mehr dazu steht im Artikel über Geschlechtsunterschiede bei ADHS.
Welche Typen von ADHS gibt es?
ADHS ist nicht gleich ADHS. Unterschieden werden drei Typen. Welcher am häufigsten ist, hängt davon ab, wo gezählt wird.
In einer klinischen Stichprobe dominiert der Mischtyp: Von 149 Erwachsenen in ambulanter Behandlung hatten 56 % den kombinierten Typ, 37 % den unaufmerksamen und 2 % den hyperaktiv-impulsiven (Millstein et al., 1997). In der Gesamtbevölkerung ist nach einer Metaanalyse der vorwiegend unaufmerksame Typ der häufigste, und Menschen mit kombiniertem Typ werden eher an eine Behandlungsstelle überwiesen (Willcutt, 2012).
Kombinierter Typ
Der kombinierte Typ, auch Mischtyp genannt, verbindet die Merkmale der beiden anderen: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Menschen mit diesem Typ kämpfen gleichzeitig mit Konzentrationsproblemen und mit impulsivem Verhalten.
Vorwiegend unaufmerksamer Typ
Hier fällt es schwer, die Aufmerksamkeit zu halten. Menschen mit diesem Typ wirken oft verträumt oder zerstreut. Aufgaben bleiben liegen, Anweisungen gehen unter. Hyperaktives oder impulsives Verhalten zeigen sie selten.
Vorwiegend hyperaktiv-impulsiver Typ
Diesen Typ prägen Hyperaktivität und Impulsivität. Die Menschen sind sehr aktiv und reden viel. Sie handeln schnell, und Stillsitzen oder Abwarten fällt ihnen schwer.
Welche Maßnahmen und Therapien helfen bei ADHS?
Unbehandeltes ADHS hat seinen Preis. Eine systematische Übersicht über 351 Studien kommt zu zwei Befunden. Ohne Behandlung schnitten Menschen mit ADHS langfristig in allen untersuchten Lebensbereichen schlechter ab als Menschen ohne ADHS, auch im Beruf. Mit Behandlung verbesserten sich die Ergebnisse, meist allerdings nicht bis auf das Niveau von Menschen ohne ADHS (Shaw et al., 2012).
Zur Frage, wie früh behandelt werden soll, gibt es einen Hinweis aus einer nicht systematischen Literaturübersicht, veröffentlicht als Kongressbeitrag. Sie nennt die Stimulanzientherapie in der Kindheit als wichtigsten Prädiktor für eine erfolgreiche Beschäftigung im Erwachsenenalter. Dieselbe Übersicht hält fest, dass die langfristige Wirkung der Medikamente auf den Berufsweg unklar bleibt (Pinho & Coutinho, 2024).
Auch wer die Diagnose erst als Erwachsene:r bekommt, kann viel tun. Die eigene Kindheit aufzuarbeiten und die persönliche Geschichte neu zu lesen, ist oft der erste Schritt. Das kann in einer Therapie geschehen oder in einem ADHS-Coaching, in dem auch Psychoedukation stattfindet.
Darauf baut die multimodale Therapie auf. Sie kombiniert Medikamente mit nicht medikamentösen Verfahren. In einer randomisierten Studie in Island mit 95 Erwachsenen, die bereits Medikamente nahmen, gingen die ADHS-Symptome mit zusätzlicher kognitiver Verhaltenstherapie stärker zurück als mit der üblichen Behandlung allein (Young et al., 2015). Nur gut die Hälfte schloss das Therapieprogramm ab. Eine Meta-Übersicht bleibt vorsichtiger: Sie stuft die Belege für nicht medikamentöse und kombinierte Behandlungen bei Erwachsenen als vorläufig ein (De Crescenzo et al., 2016).
Psychoedukation
Mein erster Schritt, den ich jeder Person mit frischer Diagnose empfehle: Wissen über ADHS. Lies dich ein und versteh, wie ADHS funktioniert. Sei aber vorsichtig, wenn Social Media deine Informationsquelle ist. Dort kursiert viel Falsches, weil ADHS gerade „in“ ist.
Wer versteht, wie ADHS wirkt, hat Werkzeuge in der Hand. Ein Beispiel ist das „Understanding and Managing Adult ADHD Programme“ (UMAAP). Es verbindet Psychoedukation mit Akzeptanz- und Commitment-Therapie, in sechs Online-Gruppensitzungen. In einer Machbarkeitsstudie mit 257 Erwachsenen mit diagnostiziertem oder selbst vermutetem ADHS stiegen Lebensqualität, Selbstakzeptanz und Wissen über ADHS nach dem Programm und blieben drei Monate später erhöht (Seery et al., 2024). Eine Kontrollgruppe gab es nicht.
Medikamentöse Behandlung
Am besten untersucht sind Psychostimulanzien wie Methylphenidat und Amphetamine, daneben das Nicht-Stimulans Atomoxetin. Die Meta-Übersicht fasst 40 Arbeiten zusammen. Medikamente wirkten bei Erwachsenen statistisch gesichert besser als ein Placebo. Sie wurden allerdings schlechter vertragen und seltener akzeptiert (De Crescenzo et al., 2016). Ob ein Medikament infrage kommt und welches, klärst du im Gespräch mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Kognitive Verhaltenstherapie (CBT)
Kognitive Verhaltenstherapie, kurz KVT oder englisch CBT, vermittelt Strategien für Organisation, Planung und Emotionsregulation. In einer Studie mit 124 Erwachsenen verbesserten sich nach zwölf Wochen KVT die Kernsymptome, die emotionalen Symptome und das soziale Funktionieren, mit und ohne begleitende Medikamente. Die Kombination brachte breitere Verbesserungen bei den exekutiven Funktionen. Bei den Symptomen war sie der KVT allein nicht überlegen (Pan et al., 2019).
Achtsamkeitsbasierte Interventionen
Auch Achtsamkeitstraining ist untersucht. Eine Metaanalyse wertet 14 Studien mit zusammen 834 Erwachsenen mit ADHS aus. Nach den Programmen waren ADHS-Symptome, depressive Symptome und Probleme mit den exekutiven Funktionen geringer (Poissant et al., 2020).
Neurofeedback und Coaching
Neurofeedback ist ein computergestütztes Verhaltenstraining. Eine Studie aus Teheran kombinierte es mit kognitivem Rehabilitationstraining und untersuchte 30 Mädchen mit ADHS (Pahlevanian et al., 2017). Die Autor:innen halten Neurofeedback allein für keine vollständige Therapie. Über Erwachsene sagt diese Studie nichts.
Coaching kam oben schon vor, als Rahmen für Psychoedukation.
ADHS im Unternehmenskontext verstehen
ADHS ist eine neurobiologische Besonderheit. Dopamin ist an Motivation, Impulskontrolle und Aufmerksamkeit beteiligt und damit an vielem, was im Arbeitsalltag als Soft Skill gilt.
Für dich als Führungskraft heißt das: Was nach fehlendem Willen aussieht, kann eine biologische Grundlage haben. Diese Unterschiede bringen Schwierigkeiten mit sich. Sie bringen auch Chancen, die über gewohnte Arbeitsweisen hinausgehen.
Welche Stärken bringen Menschen mit ADHS ins Team?
Zwei Arbeiten haben Menschen mit ADHS selbst gefragt. In den Niederlanden beschrieben 206 Erwachsene mit ADHS in offenen Fragebögen, was sie an ihrem ADHS positiv finden (Schippers et al., 2022). In Großbritannien wurden sechs beruflich erfolgreiche Männer mit ADHS ausführlich interviewt (Sedgwick et al., 2019).
Beides sind Selbstauskünfte. Ob Teams dadurch messbar besser arbeiten, haben diese Arbeiten nicht untersucht.
Kreativität und Problemlösung
Kreativität ist eines der fünf Hauptthemen der niederländischen Befragung (Schippers et al., 2022). Gemeint ist die Fähigkeit, ein Problem aus ungewohnter Richtung anzusehen und auf neue Lösungen zu kommen. Die Autor:innen ordnen diese Beschreibungen dem divergenten Denken zu.
Hyperfokus
ADHS wird meist mit Ablenkbarkeit verbunden. Viele Menschen mit ADHS kennen auch das Gegenteil: Phasen sehr intensiver Konzentration auf Aufgaben, die sie motivieren. In der niederländischen Befragung zählt Hyperfokus zu den höheren kognitiven Fähigkeiten (Schippers et al., 2022). In Projekten mit engen Deadlines kann das ein Vorteil sein.
Flexibilität und Anpassungsfähigkeit
Flexibilität ist ein weiteres Hauptthema der Befragung (Schippers et al., 2022). Viele Menschen mit ADHS stellen sich schnell auf neue Situationen ein. In einem Umfeld, das sich oft ändert, ist das nützlich.
Energie und Tatkraft
Energie gehört zu den sechs Kernthemen der britischen Interviews (Sedgwick et al., 2019). Tatendrang kann ein Team antreiben und ein Projekt beschleunigen. Sechs Interviews sind eine schmale Basis. Sie zeigen, wie es aussehen kann.
Mehr dazu steht im Artikel ADHS-Stärken im Beruf: belegt oder berichtet.
Welche Herausforderungen bringt unbehandeltes ADHS im Unternehmen?
Wird ADHS im Unternehmen weder erkannt noch unterstützt, entstehen Risiken: in der Kommunikation, bei der Erledigung von Aufgaben und in der Zusammenarbeit im Team. Vier davon kommen häufig vor.
Produktivitätsverluste
Wer sich schwer auf eine Aufgabe konzentrieren kann oder Projekte nicht termingerecht abschließt, bremst oft auch das Team. Zahlen dazu gibt es aus den USA. In einer landesweiten Haushaltsbefragung mit 3.198 Personen zwischen 18 und 44 Jahren ging ADHS bei Erwerbstätigen mit 35 Tagen verlorener Arbeitsleistung pro Jahr einher (Kessler et al., 2005).
Eine WHO-Erhebung in zehn Ländern mit 7.075 Erwerbstätigen kam auf 22,1 Tage mehr als bei vergleichbaren Befragten ohne ADHS (de Graaf et al., 2008). Beide Zahlen stammen aus Befragungen und belegen keine Ursache.
Konflikte im Team
Impulsives Verhalten und Missverständnisse erzeugen Spannungen. Impulsivität kann sich bei Erwachsenen als Reizbarkeit und geringe Frustrationstoleranz zeigen (Pinho & Coutinho, 2024). In elf Interviews einer Dissertation beschrieben viele berufstätige Erwachsene mit ADHS laut Zusammenfassung Schwierigkeiten mit der Selbstregulation, etwa die langfristigen Folgen ihres Handelns zu bedenken (Barnett, 2019).
Burnout und Überforderung
Wer ohne Unterstützung arbeitet, läuft Gefahr, an hohen Anforderungen krank zu werden. In einer Interviewstudie mit 20 Erwachsenen mit ADHS oder Autismus beschrieben die Befragten laut Zusammenfassung Stress, der sich ansammelt und die Arbeit auf Dauer untragbar macht. Unterstützung ohne Kontinuität und Verlässlichkeit führte zu großem Stress und Erschöpfung (Högstedt et al., 2023). Nach Pinho und Coutinho wird aus Hyperaktivität bei Erwachsenen oft innere Unruhe, und viele arbeiten härter, um ihre Schwierigkeiten auszugleichen. Was das für die Gesundheit bedeutet, ist dort uneinheitlich belegt.
Wie sich das anfühlt, zeigt eine Interviewstudie der Universität Haifa. Die meisten der elf berufstätigen Frauen mit ADHS beschrieben ihren Arbeitsalltag als verwirrend, überwältigend und chaotisch (Schreuer & Dorot, 2017).
Verpasste Chancen
Unternehmen, die nicht sehen, was neurodivergente Mitarbeiter:innen können, lassen Ideen liegen. Laut der Literaturübersicht können Menschen mit ADHS in manuellen und kreativen Rollen aufblühen (Pinho & Coutinho, 2024).
Wie Unternehmen das gezielt fördern, ist wenig erforscht. Eine systematische Übersicht über 143 Studien fand vor allem Arbeiten zu Medikamenten. Keine einzige prüfte die Wirksamkeit einer Maßnahme am Arbeitsplatz (Lauder et al., 2022).
Welche Maßnahmen können Unternehmen setzen?
Fünf Ansatzpunkte folgen, vom Wissen bis zur Kultur. Vorweg: Die Forschung zu Maßnahmen am Arbeitsplatz ist dünn. Die fünf Punkte sind Empfehlungen.
Belege gibt es vor allem aus der Behandlung. Eine Metaanalyse von 23 Studien mit 3.835 Erwachsenen mit ADHS prüfte Ergebnisse wie Zeitmanagement, Organisation und Funktionieren im Job. Psychosoziale Verfahren wirkten besser als die Kontrollbedingungen (d = 0,56), Medikamente ebenfalls, mit kleinerem Effekt (d = 0,19). Die Ergebnisse streuten stark, und fast alle Studien liefen in Ambulanzen oder Kliniken (Lauder et al., 2024).
Für dich als Führungskraft heißt das: Behandlung kann im Job helfen, sie liegt bei Ärzt:innen und Therapeut:innen. Was du im Unternehmen beeinflusst, ist das Umfeld.
Psychoedukation und Sensibilisierung
Der erste Schritt ist Wissen: Psychoedukation und Sensibilisierung für Führungskräfte und Teams. Den meisten Arbeitgebern fehlt Wissen über ADHS, hält der Kongressbeitrag von Pinho und Coutinho fest, und empfiehlt Aufklärung in den Teams (Pinho & Coutinho, 2024). Das Ziel: Vorurteile abbauen.
Flexible Arbeitsmodelle und klare Strukturen
Die Literaturübersicht von Pinho und Coutinho nennt vier Strategien, die ADHS-Symptome am Arbeitsplatz abmildern sollen: klar umrissene Aufgaben, Feedback, Einfluss auf die eigene Arbeit und Flexibilität (Pinho & Coutinho, 2024). Eine Wirkung belegt die nicht systematische Übersicht nicht.
In der Interviewstudie von Högstedt war Flexibilität eines von drei Hauptthemen, als etwas, das die Arbeit möglich macht (Högstedt et al., 2023). Die britische NICE-Leitlinie setzt als ersten Schritt bei ADHS, die Umgebung anzupassen, zitiert in der Übersicht von Lauder et al. (2022).
Individuelle Anpassungen und Unterstützung
Dazu kommen Anpassungen für die einzelne Person: digitale Organisationstools, weniger Lärm am Arbeitsplatz, regelmäßige Feedbackgespräche. Sie sollen Stress verringern und es leichter machen, bei der Aufgabe zu bleiben. In zwölf Interviews einer Dissertation nannten viele Befragte mit ADHS To-do-Listen, Kalender, Erinnerungen durch Kolleg:innen und Unterstützung durch Arbeitgeber als Hilfen (Harris, 2020). Diese Hilfen müssen verlässlich sein: Bei Högstedt machte gerade unbeständige Unterstützung Stress.
Mentoring-Programme und Coaching
Mentoring und individuelles Coaching sollen helfen, berufliche Schwierigkeiten zu bewältigen und die Selbstregulation zu verbessern. Untersucht ist das kaum: Coaching wird oft eingesetzt, seine Wirksamkeit haben nur zwei Studien geprüft (Lauder et al., 2022). In der Metaanalyse von 2024 kam Coaching nicht vor.
Inklusive Unternehmenskultur
Eine inklusive Unternehmenskultur schätzt verschiedene Denkweisen und fördert neurodivergente Talente gezielt. Die Interviewstudie mit berufstätigen Frauen mit ADHS fragte nach den Strategien und Anpassungen, die ihnen helfen, im Job zu bleiben (Schreuer & Dorot, 2017).
Was heißt das für Führungskräfte und HR?
ADHS bei Erwachsenen wird häufiger geschätzt als diagnostiziert, und es hat eine biologische Grundlage. Für Führungskräfte und HR beginnt die Arbeit bei klar umrissenen Aufgaben und regelmäßigem Feedback. Das Wissen im Team kommt dazu. Wie Unternehmen das aufbauen, steht auf der Seite Neurodiversität im Unternehmen.
Fazit
Diese Maßnahmen sollen die Schwierigkeiten rund um ADHS im Unternehmen verringern. Ob sie am Arbeitsplatz wirken, ist kaum geprüft: Unter 143 Studien fand die Übersicht von Lauder et al. (2022) keine dazu.
Was du morgen tun kannst: Nimm eine Aufgabe, die du diese Woche vergibst, und schreib sie auf, mit Ergebnis und Frist. Vereinbare dazu einen festen Termin für Feedback und halte ihn ein. Klare Aufgaben und Feedback empfiehlt die Literaturübersicht von Pinho und Coutinho. Dass unzuverlässige Unterstützung Stress macht, beschreiben die Befragten bei Högstedt.
Quellen
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