Kurz gefasst
Sätze wie „Das ist doch nur eine Ausrede“, „Modediagnose“, „Früher gab’s das nicht“ oder „Sie können doch Blickkontakt halten“ hören Menschen mit ADHS, Autismus (ASS) und AuDHS oft aus dem engsten Umfeld – und erstaunlich oft von Fachleuten. Dieser Artikel sammelt zu jedem dieser Sätze fünf schlagfertige Antworten aus unterschiedlichen Perspektiven und zeigt, was die Forschung zu den Vorwürfen sagt.
Der Infokasten zur Ausrede-Frage zeigt, warum dich Anfangen bei ADHS so viel Kraft kostet und wo du ansetzen kannst – Emotionsregulation lässt sich trainieren. Für Autismus ordnet er die Frage eigens ein.
„Du hast doch gar kein ADHS.“ Oder: „Autistisch? Das merkt man dir gar nicht an.“
Wer solche Sätze einmal gehört hat, kennt den Moment danach. Erst Sprachlosigkeit. Stunden später, unter der Dusche, die perfekte Antwort – zu spät.
Meistens kommen sie von Menschen, die dir nahestehen: Partner:innen, Eltern, Geschwister, die beste Freundin. Sie kommen auch aus Praxen und Diagnostikstellen, öfter als man denkt. Für Menschen, die oft jahrelang auf ihre Diagnose gewartet haben, trifft das doppelt.
In meiner Arbeit mit Coachingklient:innen mit ADHS, Autismus und AuDHS tauchen diese Sätze immer wieder auf. Für diesen Artikel habe ich zu jedem typischen Satz fünf schlagfertige Antworten zusammengestellt, jede aus einer anderen Perspektive – von sachlich über humorvoll bis zur Analogie. Ein Teil davon geht sinngemäß auf Klient:innen zurück. Alle Beispiele sind so abgewandelt, dass sich niemand darin wiedererkennt. Ich habe selbst ADHS und arbeite in Diagnostik und Coaching mit neurodivergenten Erwachsenen.
Warum dir die passende Antwort erst später einfällt
Schlagfertigkeit unter Stress ist für viele neurodivergente Menschen schwer. Eine Klientin beschreibt, wie sie in Konflikten vor Aufregung erstarrt und danach nicht mehr weiß, was sie eigentlich sagen wollte. Jahrelang hat sie sich dafür geärgert. Seit sie versteht, woher das kommt, geht sie freundlicher mit sich um.
Dazu kommt: Diese Sätze treffen selten eine unversehrte Stelle. Wer jahrelang gehört hat, faul oder zu empfindlich zu sein, reagiert auf jeden neuen Treffer heftiger – der Satz drückt auf einen blauen Fleck, der nie ganz verheilt ist.
Deshalb hilft Vorbereitung: Wenn du ein paar Sätze im Kopf hast, musst du im Streit nichts erfinden.
Schlagfertigkeit in Kürze
So wirst du schlagfertiger
- Bereite dich vor. Such dir die zwei, drei Sätze aus, die du am häufigsten hörst, und leg dir zu jedem eine Antwort zurecht. Die Antworten in diesem Artikel sind genau dafür gedacht.
- Kauf dir Zeit. Eine Pause, ein ruhiges „Wie meinst du das?“ oder das langsame Wiederholen des Satzes verschafft dir ein paar Sekunden zum Sortieren.
- Wähl die Perspektive nach dem Gegenüber. Bei Menschen, die dir wichtig sind, tragen Sachlichkeit und Analogien weiter. Humor und Ad absurdum passen, wenn du vor allem die Situation entschärfen willst. Wo gar nichts ankommt, reicht eine klare Grenze.
- Ein Satz genügt. Je länger du dich rechtfertigst, desto mehr Angriffsfläche bietest du.
- Üb laut. Was du schon ein paar Mal ausgesprochen hast, fällt dir unter Druck leichter ein.
- Nachreichen ist erlaubt. „Ich habe über deinen Satz von gestern nachgedacht“ ist ein völlig legitimer Einstieg.
„Das ist doch nur eine Ausrede“
Der Klassiker. Er kommt meist kurz nach der Diagnose, wenn jemand beginnt, den eigenen Alltag anders zu organisieren. Besonders weh tut er aus dem engsten Kreis, etwa als spöttische Frage, ob die Diagnose jetzt für alles herhalten müsse. Manche Klient:innen hören ihn noch Jahre nach der Diagnose von der eigenen Partnerin oder dem eigenen Partner.
5 mögliche Antworten
Gegenfrage
„Sagst du jemandem mit Gipsfuß auch, er soll sich beim Laufen halt mehr anstrengen?“
Ad absurdum
„Genau. Ich habe monatelang auf einen Diagnostiktermin gewartet, nur damit ich endlich eine Ausrede fürs Vergessen habe.“
Den Spieß umdrehen
„Beim nächsten Schnupfen frage ich dich auch, ob das nicht nur eine Ausrede fürs Daheimbleiben ist.“
Sachlich
„Eine Erklärung sagt, warum mir etwas schwerfällt. Was ich daraus mache, entscheide ich trotzdem selbst.“
Metapher
„Meine Diagnose funktioniert wie eine Brille: Seit ich sie habe, sehe ich endlich, wo ich ansetzen kann.“
Hinter dem Vorwurf steckt meist eine Verwechslung von Erklärung und Ausrede. Viele Erwachsene bekommen ihre Diagnose erst, wenn die jahrelange Anpassung nicht mehr trägt, oft mitten in einer Erschöpfungsphase. Die Diagnose erklärt dann rückblickend, warum so vieles so viel Kraft gekostet hat. Diesen Unterschied lohnt es sich bei ADHS genauer anzuschauen. Für dich selbst.
Infobox ADHS
Die Diagnose ist ein Startpunkt
Jetzt denkst du vielleicht: Also doch eine Ausrede? Nein. Die Diagnose erklärt, warum dich Anfangen und Dranbleiben so viel mehr Kraft kosten als andere Menschen. Und sie zeigt dir, wo du ansetzen kannst.
Aufschieben hat bei ADHS viel mit Gefühlen zu tun. Die Aufgabe löst etwas Unangenehmes aus, Langeweile oder Angst vor dem Scheitern, und das Aufschieben bringt sofort Erleichterung. Die Forschung beschreibt Prokrastination deshalb als kurzfristige Stimmungsreparatur (Pychyl & Sirois, 2016). Mit der Regulation von Gefühlen haben Erwachsene mit ADHS besonders viel zu kämpfen: Eine Meta-Analyse über 13 Studien mit 2.535 Personen fand bei ihnen deutlich mehr Schwierigkeiten in der Emotionsregulation als in Vergleichsgruppen – ein großer Effekt (Beheshti et al., 2020). Bei 595 Studierenden erklärten Emotionsregulation und Selbstwert einen Teil des Zusammenhangs zwischen ADHS-Symptomen und Aufschieben (Bodalski et al., 2022).
Emotionsregulation lässt sich trainieren. In einer randomisierten Studie mit 148 Studierenden – ADHS war kein Auswahlkriterium – senkte ein neunwöchiges Online-Training das Aufschieben; ein Teil der Wirkung lief über die verbesserte Emotionsregulation (Schuenemann et al., 2022). In den Daten zweier randomisierter Studien zu kognitiver Verhaltenstherapie gegen Prokrastination mit insgesamt 459 Teilnehmenden profitierten Menschen mit mehr ADHS-Symptomen genauso wie die anderen. Wer größere Schwierigkeiten mit Gefühlen hatte, profitierte sogar stärker. Weniger Aufschieben ging dabei damit einher, dass die Teilnehmenden ihre Gefühle klarer erkannten und Erfolge stärker sich selbst zuschrieben (Pietruch et al., 2026).
Psychotherapie verändert das Gehirn. Für mehrere psychische Störungen ist gezeigt, dass kognitive Verhaltenstherapie die Aktivität in Hirnregionen der Emotionsregulation verändert (Yuan et al., 2022; mehr dazu in RSD oder Sozialphobie bei ADHS?). Für ADHS gibt es erste kleine Studien. Bei zehn Erwachsenen nahm nach zwölf Sitzungen kognitiver Verhaltenstherapie die Vernetzung in Hirnregionen zu, die für Steuerung und Aufmerksamkeit zuständig sind; ein Teil dieser Veränderung hing mit der Besserung der Symptome zusammen (Wang et al., 2016). Dieselbe Forschungsgruppe aus Peking fand bei 14 Erwachsenen nach zwölf Wochen Gruppentherapie, dass sich veränderte Verbindungen zwischen Ruhe- und Aufmerksamkeitsnetzwerken den Werten gesunder Vergleichspersonen annäherten, parallel zur Besserung der Kernsymptome (Liu et al., 2024). Beide Studien hatten keine ADHS-Vergleichsgruppe ohne Therapie.
ADHS ist wie ein Computerspiel auf „extra schwer“. Die Gegner sind zäher, Speicherpunkte gibt es seltener. Abfinden musst du dich damit trotzdem nicht: Spielen kann man lernen. Nutze die Diagnose wie die Anleitung zum schweren Level – sie zeigt dir, wo die schwierigen Stellen kommen und welche Ausrüstung du dafür brauchst.
Ein erster Schritt für morgen: Wenn du etwas aufschiebst, frag dich, welches Gefühl die Aufgabe gerade auslöst.
Bei Autismus schaue ich anders darauf. Viele autistische Menschen passen sich über Jahre an Umgebungen an, die nicht zu ihren Bedürfnissen passen. Eine Meta-Analyse über 16 Studien fand mittlere Zusammenhänge zwischen dieser Anpassung, dem Masking, und Angst sowie Depression (Khudiakova et al., 2024); ob Masking dabei die Ursache ist, klären Längsschnittstudien gerade erst. Autistische Erwachsene beschreiben außerdem ein eigenes Erschöpfungsbild, das autistische Burnout: monatelange Erschöpfung und Verlust von Fähigkeiten, ausgelöst durch Dauerstress und Erwartungen, die ohne passende Unterstützung nicht zu den eigenen Möglichkeiten passen (Raymaker et al., 2020). Selbstwirksamkeit heißt hier, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und Umgebungen zu suchen, in denen weniger Masking nötig ist.
„Das ist eine Modediagnose“ und „Jetzt hat ja jeder ADHS“
Diesen Satz hören Betroffene auch von Profis. Klient:innen erzählen von Fachleuten, deren Wissensstand spürbar aus dem letzten Jahrhundert stammt, und von Augenrollen, sobald das Wort ADHS fällt. Manche sprechen deshalb kaum noch über ihre Diagnose.
5 mögliche Antworten
Gegenfrage
„Spannend. Welche Studie hast du dazu zuletzt gelesen?“
Ad absurdum
„Eine Mode, für die man monatelang auf einen Termin wartet und danach schief angeschaut wird? Für einen Trend ist das ein erstaunlich schlechtes Angebot.“
Sachlich
„Häufiger wird ADHS heute vor allem erkannt, besonders bei Frauen und Erwachsenen. Die Erblichkeit ist über Jahrzehnte gleich geblieben.“
Analogie
„Seit Zahnärzt:innen röntgen, finden sie mehr Löcher. Karies ist deshalb trotzdem keine Modeerscheinung.“
Perspektivwechsel
„Leih dir mein Gehirn eine Woche lang aus. Danach reden wir über Mode.“
Was die Forschung sagt
Richtig ist: Es werden heute deutlich mehr ADHS-Diagnosen gestellt. In Dänemark stieg die Zahl der Erstdiagnosen zwischen 1995 und 2010 auf mehr als das Zwölffache. Die Autor:innen führen das auf mehr psychiatrische Behandlungen insgesamt zurück und auf eine bessere Erkennung bei Mädchen, Frauen, Jugendlichen und Erwachsenen (Jensen & Steinhausen, 2015). Die Erblichkeit blieb in schwedischen Zwillingsdaten der Geburtsjahrgänge 1982 bis 2008 stabil – eine veränderte Ursache erklärt den Anstieg laut den Autor:innen deshalb kaum (Taylor et al., 2023).
Zur Ehrlichkeit gehört: Bei Kindern mit sehr milden Symptomen gibt es Hinweise auf Überdiagnosen (Kazda et al., 2021). Das ist ein Argument für sorgfältige Diagnostik. Die Studienlage im Detail findest du in Hat jetzt jeder ADHS? 10 wissenschaftliche Antworten und in unserer Podcastfolge ADHS: Modediagnose oder missverstandenes Potenzial?.
„Jeder ist doch ein bisschen ADHS“ und „So bin ich auch“
Dieser Satz kommt häufig aus der eigenen Familie, gern in der Version „Das hat doch jeder mal, mach daraus kein Drama.“ Besonders absurd wird es, wenn ausgerechnet die Person, die keine zehn Minuten still sitzen kann, erklärt, sie sei genauso und habe trotzdem kein ADHS.
5 mögliche Antworten
Ironie
„Natürlich. Bei dir ist das ja ganz was anderes.“
Analogie
„Müde ist auch jeder mal. Deswegen hat noch lange nicht jeder eine Schlafstörung.“
Sachlich
„Vergessen kennt jeder. Bei ADHS geht es darum, wie oft es passiert und wie sehr es den Alltag durcheinanderbringt.“
Metapher
„Nass wird jeder mal – ich stehe seit meiner Kindheit im Dauerregen.“
Neugier
„Erzähl mal: Wie äußert sich das bei dir?“
Was dahintersteckt
Der Satz hat einen wahren Kern. ADHS-Merkmale sind in der Bevölkerung fließend verteilt, die Diagnose beschreibt das obere Ende dieses Spektrums (Larsson et al., 2012). Jede:r vergisst mal etwas. Entscheidend sind Ausmaß und Häufigkeit. Für eine Diagnose verlangt das DSM-5 außerdem, dass die Symptome in mehreren Lebensbereichen auftreten und das Leben deutlich beeinträchtigen.
Wenn der Satz von Eltern oder Geschwistern kommt, gibt es oft eine schlichte Erklärung. Rund drei Viertel der Unterschiede zwischen Menschen bei ADHS lassen sich auf genetische Faktoren zurückführen (Faraone & Larsson, 2019). Wer in einer ADHS-Familie aufwächst, hält vieles für normal. Viele Klient:innen vermuten bei den eigenen Eltern ähnliche Züge, die dort nie jemand hinterfragt hat.
„Du bist viel zu ruhig für ADHS“ und andere Gegenbeweise
Eine der häufigsten Varianten – und viele Klient:innen hören sie in Arztpraxen. Da gilt ein abgeschlossenes Studium als Gegenbeweis, oder die Tatsache, dass jemand im Erstgespräch ruhig sitzen konnte.
5 mögliche Antworten
Schlagfertig
„Ruhig ist nur die Oberfläche. In meinem Kopf läuft gerade ein Radio auf fünf Sendern gleichzeitig.“
Ad absurdum
„Soll ich kurz herumzappeln, mitten im Satz das Thema wechseln und meinen Schlüssel suchen? Dann passt es besser ins Bild.“
Sachlich
„Hyperaktivität kann sich komplett im Kopf abspielen. Gerade bei Mädchen und Frauen wird sie deshalb oft übersehen.“
Metapher
„Eine Ente sieht auf dem Teich auch ganz entspannt aus. Unter Wasser paddelt sie wie verrückt.“
Humorvoll
„Stimmt, das Studium habe ich geschafft. Wie viele durchgemachte Nächte vor jeder Abgabe dafür draufgegangen sind, erzähle ich Ihnen lieber nicht.“
Was dahintersteckt
Hyperaktivität kann sich ganz im Kopf abspielen. Von außen sieht man dann eher ein verträumtes Kind, das im Unterricht aus dem Fenster schaut. Auch Menschen mit guten Noten haben ADHS, oft stecken Hyperfokus und enorme Kompensation dahinter, oder die guten Noten kommen genau in den Fächern, die ein Spezialinteresse treffen. Den Preis dafür sieht man selten. Eine Klientin erzählt, dass ihr Team sie für die Gelassenste von allen hält. Abends ist sie so erschöpft, dass sie kaum noch spricht.
„Bei deinem Hobby kannst du dich ja auch konzentrieren“
Dieser Satz ist besonders hartnäckig, weil er halb stimmt. Ein ADHS-Gehirn kann sich sehr wohl konzentrieren, wenn ein Thema es packt. Viele Klient:innen beschreiben genau das: Konzentration klappt, sobald die Sache sie fesselt.
5 mögliche Antworten
Sachlich
„Genau das ist ADHS: Mein Gehirn kann sich konzentrieren. Es sucht sich nur selbst aus, wofür.“
Humorvoll
„Mein Gehirn entscheidet selbst, wofür es Energie hergibt. Die Steuererklärung war noch nie dabei.“
Analogie
„Ein Auto mit leerem Tank rollt bergab auch. Deswegen würde niemand behaupten, es braucht keinen Sprit.“
Metapher
„Mein Fokus ist wie eine Katze: Er kommt, wenn er will, und lässt sich nicht rufen.“
Ad absurdum
„Super Idee. Ab morgen erledige ich meine Buchhaltung einfach mit derselben Begeisterung.“
Was die Forschung sagt
Bei 640 Erwachsenen erklärten vor allem eine hohe Empfindlichkeit für Wartezeiten und ein gering empfundener Wert der Aufgabe, warum ADHS-Symptome mit mehr Aufschieben einhergingen (Netzer Turgeman & Pollak, 2026). Wie du dieses Muster für dich nutzt, steht in Hyperfokus bei ADHS: Fluch, Segen und wie du ihn nutzt.
„Reiß dich zusammen“ und „Man muss nur wollen“
„Man muss nur wollen“ hören Klient:innen von Freund:innen ebenso wie in Arztpraxen, dort gern als Frage: Warum lassen Sie es nicht einfach, wenn Sie doch wissen, dass es Ihnen nicht guttut?
5 mögliche Antworten
Ironie
„Ach so, einfach wollen. Warum bin ich da nicht selbst draufgekommen?“
Analogie
„Würdest du jemandem mit Migräne auch sagen, er soll den Kopfschmerz einfach wegdenken?“
Gegenfrage
„Sagst du einem Kind mit Rechenschwäche auch, es soll sich in Mathe einfach mehr anstrengen?“
Metapher
„Ich trete genauso in die Pedale wie alle anderen. Mein Rad hat nur keine Gangschaltung.“
Grenze setzen
„Ich weiß, du meinst es gut. Hilfreicher wäre die Frage, was mir tatsächlich hilft.“
Wie wenig Wollen allein ausrichtet, zeigt sich am deutlichsten in der sogenannten ADHS-Paralyse: Du sitzt auf dem Sofa, weißt genau, was zu tun wäre, und kommst trotzdem nicht in die Gänge. Was dabei im Kopf passiert, erkläre ich in ADHS-Paralyse.
„Früher gab’s das nicht“
Diesen Satz hören viele von der älteren Generation. Oft schwingt der Vorwurf mit, die Eltern hätten zu lasch erzogen.
5 mögliche Antworten
Sachlich
„Gegeben hat es das früher auch, nur unter anderen Namen. Den Zappel-Philipp gibt es im Struwwelpeter seit 1846.“
Ad absurdum
„Stimmt. Früher gab es ja auch keine Kurzsichtigkeit, nur Leute, die ständig gegen Türen gelaufen sind.“
Humorvoll
„Komisch, dass sich dieser Erziehungsfehler bei uns dann durch drei Generationen zieht.“
Perspektivwechsel
„Früher hieß das halt ‚eigen‘ oder ‚schwierig‘. Neu ist nur der Name.“
Gegenfrage
„Gab es früher wirklich niemanden, der dauernd seinen Schlüssel verlegt oder Rechnungen liegen gelassen hat?“
Was die Forschung sagt
In einer Studie mit fast 60.000 schwedischen Zwillingen spielten Umwelteinflüsse, die Geschwister in einer Familie teilen, etwa der Erziehungsstil, für ADHS keine nennenswerte Rolle (Larsson et al., 2014). Und wer der „gesunden Watschn“ von früher nachtrauert, ist selten das überzeugendste Argument dafür, dass sie niemandem geschadet hat.
Auch Zucker ist übrigens unschuldig, siehe Zucker und ADHS.
„Das wächst sich aus“ und „Das haben doch nur Buben“
Zwei Sätze, die oft gemeinsam auftreten. Beide halten der Forschung nicht stand.
5 mögliche Antworten
Mit Zahlen
„In der großen MTA-Langzeitstudie hatte nur etwa jedes elfte Kind seine Symptome als junger Erwachsener dauerhaft hinter sich gelassen.“
Metapher
„Was mit den Jahren wächst, ist vor allem die Fähigkeit, es zu verstecken.“
Analogie
„Linkshändigkeit wächst sich auch nicht aus – man hat sie früher nur umerzogen.“
Sachlich
„Mädchen mit ADHS träumen häufiger leise vor sich hin. Und wer niemanden stört, wird seltener abgeklärt.“
Schlagfertig
„Kein Wunder. Unauffällig sein haben wir Mädchen früh und gründlich geübt.“
Was die Forschung sagt
Die große MTA-Langzeitstudie hat Kinder mit ADHS bis ins junge Erwachsenenalter begleitet. Nur etwa jedes elfte Kind (9,1 Prozent) zeigte eine dauerhafte Remission, rund 90 Prozent hatten weiterhin Symptome (Sibley et al., 2022). Was sich mit den Jahren verändert, ist oft die Fassade. Viele Kinder lernen, ihre Schwierigkeiten zu kompensieren. Steigt im Erwachsenenleben die Belastung, etwa durch eigene Kinder, die Pflege von Angehörigen oder hormonelle Umstellungen, reicht diese Kompensation oft nicht mehr.
Zum Mythos von den Buben: In Dänemark sank das Verhältnis männlicher zu weiblicher Neudiagnosen zwischen 1995 und 2010 von 7:1 auf 2:1 (Jensen & Steinhausen, 2015). Mehr dazu in Geschlechtsunterschiede bei ADHS.
Autismus (ASS): „Sie können doch Blickkontakt halten“
Bei Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) kommt das Absprechen meist aus der Diagnostik. Klient:innen berichten von Befunden, in denen Autismus ausgeschlossen wurde, weil sie Blickkontakt halten können oder sozial gut zurechtzukommen scheinen. Manchmal genügte schon der Eindruck, jemand wirke empathisch. Masking spielte in solchen Befunden oft keine Rolle.
5 mögliche Antworten
Ironie
„Dann war ich wohl zu gut darin, mich anzupassen. Das nehme ich als Kompliment.“
Sachlich
„Blickkontakt kann man trainieren. Wie viel Kraft er mich kostet, sehen Sie von außen nicht.“
Metapher
„Blickkontakt ist für mich wie ein Scheinwerfer, der mir direkt ins Gesicht leuchtet.“
Analogie
„Ich spreche ‚neurotypisch‘ wie eine Fremdsprache: fließend, aber jeder Satz kostet Konzentration.“
Gegenfrage
„Woran hätten Sie meinen Autismus erkannt, wenn ich ihn seit Jahrzehnten verstecke?“
Was dahintersteckt
Autistische Menschen können sehr empathisch sein. In einer Studie mit 1.905 autistischen und 3.009 nicht-autistischen Personen ging Autismus häufiger mit einem Ungleichgewicht einher: Das Mitfühlen war im Verhältnis stärker ausgeprägt als das Erschließen fremder Gedanken (Shalev et al., 2022). Das Bild vom „empathielosen Autisten“ gilt in der Fachwelt als Mythos (Fletcher-Watson & Bird, 2020).
Wie sich „sozial gut zurechtkommen“ von innen anfühlen kann, beschreibt eine Klientin als eine Art Simultanübersetzung: Sie beobachtet, gleicht ab, formuliert im Kopf vor – und wirkt dabei völlig entspannt. Was das Funktionieren kostet, bleibt für andere meist unsichtbar. Das Spektrum ist breit, und gerade gut angepasste Erwachsene fallen in der Diagnostik leicht durch. Mehr zu Masking und dem Double-Empathy-Problem findest du im Gespräch Autismus am Arbeitsplatz mit Aaron Wahl.
AuDHS: „Beides gleichzeitig geht doch nicht“
AuDHS bezeichnet das gemeinsame Auftreten von ADHS und Autismus. Nach DSM-IV und ICD-10 schlossen sich ADHS und Autismus als Diagnosen formal aus. Das DSM-5 (2013) und die ICD-11 (seit 2022 in Kraft) erlauben die Doppeldiagnose, in vielen Köpfen ist das noch nicht angekommen. Manche hören in der Diagnostik sogar, sie hätten doch schon genug Diagnosen. Von außen sieht es oft aus, als würde sich beides gegenseitig ausgleichen – getragen wird trotzdem die doppelte Last.
5 mögliche Antworten
Schlagfertig
„Die anderen haben ja nie ganz gepasst. Diese erklärt endlich das Gesamtbild.“
Sachlich
„Seit dem DSM-5 und der ICD-11 dürfen beide Diagnosen gemeinsam gestellt werden.“
Metapher
„In mir laufen zwei Navis, die gleichzeitig unterschiedliche Routen ansagen.“
Analogie
„Eine Waage, auf der beide Seiten beladen sind, steht auch gerade. Leicht ist sie deshalb noch lange nicht.“
Humorvoll
„Mein Autismus will einen festen Plan für den Samstag. Mein ADHS hat ihn um zehn Uhr schon wieder verworfen.“
„Davon wird man doch abhängig“
Hier geht es um die Behandlung, ein naher Verwandter des Absprechens. Auch dieser Satz fällt erstaunlich oft in ärztlichen Gesprächen, etwa als besorgte Frage, wie lange man das Medikament denn noch nehmen wolle.
5 mögliche Antworten
Schlagfertig
„Solange mein Gehirn weniger Dopamin bereitstellt als Ihres. Also vermutlich ziemlich lange.“
Analogie
„Ich bin davon so abhängig wie ein Diabetiker von seinem Insulin.“
Ad absurdum
„Stimmt. Von meinem Kalender bin ich auch abhängig. Ohne ihn finde ich keinen einzigen Termin.“
Humorvoll
„Mein Gehirn hat am Samstag leider auch keinen freien Tag.“
Grenze setzen
„Über meine Medikation entscheide ich gemeinsam mit meiner Ärztin.“
Eine Meta-Analyse fand keinen Zusammenhang zwischen einer Stimulanzienbehandlung bei ADHS und späterem Substanzmissbrauch (Humphreys et al., 2013). Ob Medikamente für dich passen, entscheidest du gemeinsam mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Musst du überhaupt antworten?
Nein. Viele meiner Klient:innen haben irgendwann damit aufgehört und erklären sich nur noch, wenn jemand ernsthaft nachfragt.
Hilfreich ist die Frage, mit wem du es zu tun hast. Manche Menschen sind schlicht falsch informiert und hören zu, sobald du erklärst. Ob sich die Mühe lohnt, merkst du meist schnell.
Manchmal hilft ein Blick darauf, was hinter dem Absprechen steckt. Eine Klientin hat bei ihren Eltern irgendwann erkannt, dass hinter der Abwehr vor allem Hilflosigkeit steckt. Seitdem trifft sie der Satz weniger.
Und manchmal wirkt Erklären doch. Ein Klient hat seinen skeptischen Eltern die Diagnosekriterien gezeigt und gefragt, was sie davon aus seiner Kindheit kennen. Am Ende kannten sie fast alles.
Ein Bild, das in der Community oft geteilt wird: Wer weiß, dass er ein Zebra ist, hält sich nicht länger für ein seltsames Pferd.
Für Angehörige, Kolleg:innen und Führungskräfte
Wenn du hier mitliest, weil jemand in deinem Umfeld eine Diagnose bekommen hat: Ein einfacher Satz öffnet mehr als jede Einschätzung.
„Ich kann mir schwer vorstellen, wie sich das für dich anfühlt. Magst du es mir erklären?“
Für dich als Führungskraft heißt das: Wer im Team hört, die Diagnose sei eine Ausrede, erzählt beim nächsten Mal nichts mehr. Damit fehlt dir genau die Information, die du für eine passende Arbeitsorganisation brauchst. Und die Person maskiert weiter, bis die Kraft ausgeht – dann siehst du es im Krankenstand. Wie es besser geht, beschreiben der HR-Leitfaden ADHS und der Artikel Wie du als Kollegin einen positiven Unterschied für Menschen mit ADHS machst.
Häufige Fragen
Ist ADHS eine Ausrede?
ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung mit hohem genetischem Anteil. Sie erklärt, warum Anfangen und Dranbleiben mehr Kraft kosten. Wie du damit umgehst, lässt sich lernen: Kognitive Verhaltenstherapie senkt in Studien das Aufschieben, auch bei Menschen mit vielen ADHS-Symptomen (Pietruch et al., 2026).
Ist ADHS eine Modediagnose?
Die Zahl der Diagnosen ist gestiegen, unter anderem weil Jugendliche und Erwachsene häufiger erkannt werden, besonders Frauen. Die Erblichkeit von ADHS ist über Jahrzehnte stabil geblieben. Bei Kindern mit sehr milden Symptomen gibt es Hinweise auf Überdiagnosen, deshalb braucht es sorgfältige Diagnostik.
Kann man autistisch sein, wenn man Blickkontakt halten kann?
Ja. Viele autistische Erwachsene haben Blickkontakt gelernt, oft unter großer Anstrengung. Autistische Menschen können auch sehr empathisch sein. Eine gute Diagnostik berücksichtigt Masking.
Kann man ADHS und Autismus gleichzeitig haben?
Ja. Seit dem DSM-5 (2013) und der ICD-11 (seit 2022 in Kraft) dürfen beide Diagnosen gemeinsam gestellt werden. Betroffene nennen die Kombination AuDHS. Viele beschreiben, dass sich die Merkmale nach außen scheinbar ausgleichen, was die Diagnostik erschwert.
Wächst sich ADHS aus?
Selten. In der MTA-Langzeitstudie zeigten nur 9,1 Prozent der Kinder mit ADHS bis ins junge Erwachsenenalter eine dauerhafte Remission. Bei vielen schwanken die Symptome, oder sie werden durch Kompensation weniger sichtbar.
Wie werde ich schlagfertiger?
Vor allem durch Vorbereitung: Leg dir für die Sätze, die du am häufigsten hörst, je eine Antwort zurecht und sprich sie ein paar Mal laut aus. Im Moment selbst hilft es, mit einer Rückfrage Zeit zu gewinnen. Und eine Antwort darf auch später kommen.
Wenn du Unterstützung möchtest
Wenn dich solche Sätze mehr Kraft kosten, als sie sollten: Im ADHS-Coaching und im Autismus- und AuDHS-Coaching schauen wir gemeinsam, was dir im Alltag hilft. Erstgespräch anfragen →
Geschrieben von Julie Simstich, MSc. — Arbeitspsychologin, Klinische Psychologin in Fachausbildung. Sie führt ADHS-, Autismus- und AuDHS-Diagnostik am PSY2 Institut Gleisdorf durch und begleitet neurodivergente Erwachsene im Coaching. Sie hat selbst ADHS. Mehr über Julie · Stand: Oktober 2026
Quellen
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- Faraone, S. V. & Larsson, H. (2019). Genetics of attention deficit hyperactivity disorder. Molecular Psychiatry, 24, 562–575. https://doi.org/10.1038/s41380-018-0070-0
- Fletcher-Watson, S. & Bird, G. (2020). Autism and empathy: What are the real links? Autism, 24(1), 3–6. https://doi.org/10.1177/1362361319883506
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- Jensen, C. M. & Steinhausen, H.-C. (2015). Time trends in incidence rates of diagnosed attention-deficit/hyperactivity disorder across 16 years in a nationwide Danish registry study. Journal of Clinical Psychiatry, 76(3), e334–e341. https://doi.org/10.4088/JCP.14m09094
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- Khudiakova, V. et al. (2024). A systematic review and meta-analysis of mental health outcomes associated with camouflaging in autistic people. Research in Autism Spectrum Disorders, 118, 102492. https://doi.org/10.1016/j.rasd.2024.102492
- Larsson, H., Anckarsäter, H., Råstam, M., Chang, Z. & Lichtenstein, P. (2012). Childhood attention-deficit hyperactivity disorder as an extreme of a continuous trait: a quantitative genetic study of 8,500 twin pairs. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 53(1), 73–80. https://doi.org/10.1111/j.1469-7610.2011.02467.x
- Larsson, H., Chang, Z., D’Onofrio, B. M. & Lichtenstein, P. (2014). The heritability of clinically diagnosed attention deficit hyperactivity disorder across the lifespan. Psychological Medicine, 44(10), 2223–2229. https://doi.org/10.1017/S0033291713002493
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- Raymaker, D. M. et al. (2020). „Having all of your internal resources exhausted beyond measure and being left with no clean-up crew“: Defining autistic burnout. Autism in Adulthood, 2(2), 132–143. https://doi.org/10.1089/aut.2019.0079
- Schuenemann, L., Scherenberg, V., von Salisch, M. & Eckert, M. (2022). „I’ll worry about it tomorrow“ – Fostering emotion regulation skills to overcome procrastination. Frontiers in Psychology, 13, 780675. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.780675
- Shalev, I., Warrier, V., Greenberg, D. M. et al. (2022). Reexamining empathy in autism: Empathic disequilibrium as a novel predictor of autism diagnosis and autistic traits. Autism Research, 15(10), 1917–1928. https://doi.org/10.1002/aur.2794
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