Vier Wochen Online-Kurs, ein Zertifikat, fertig ist der ADHS-Coach. Der Markt rund um Neurodivergenz boomt – und mit ihm die Zahl derer, die ohne fundierte Ausbildung Menschen mit ADHS und Autismus „behandeln“. In dieser Podcastfolge sprechen Julie und Walter Klartext: warum unqualifizierte ADHS-Coaches allen schaden, woran du seriöse Unterstützung erkennst und warum Coaching im Unternehmen manchmal nur ein Alibi ist.
Warum boomt der ADHS-Coaching-Markt überhaupt?
ADHS ist im Mainstream angekommen – prominente Outings wie das von Heidi Klum tragen dazu bei, dass das Stigma bröckelt. Das ist grundsätzlich gut. Es hat aber eine Schattenseite: Wer als erfolgreiche Person mit Assistenzteam öffentlich von der „Superpower ADHS“ erzählt, verstärkt bei Betroffenen, die gerade an der Steuererklärung oder der nächsten Mahnung scheitern, eher das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit.
Der zweite Treiber ist eine Versorgungslücke: Psychotherapie und klinisch-psychologische Behandlung sind schwer verfügbar, mit Wartezeiten und Stigma verbunden. Viele Betroffene weichen deshalb in den unregulierten „zweiten Markt“ aus – wo Angebot und Qualität weit auseinanderklaffen.
Das Problem mit den 4-Wochen-Zertifikaten
In Österreich ist die Lage vergleichsweise streng: Coaching gegen Bezahlung ist an reglementierte Gewerbe wie die Lebens- und Sozialberatung oder die Unternehmensberatung gebunden – beides Ausbildungen mit hohen Qualitätsstandards. In Deutschland dagegen darf sich grundsätzlich jede Person „Coach“ nennen. Genau dort blühen Geschäftsmodelle, die gleich doppelt verkaufen: erst die „Heilung“, dann die Coaching-Ausbildung als eigenes Business obendrauf.
Warum das gefährlich ist? Wegen der Komorbiditäten. Menschen mit ADHS und Autismus haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Begleiterkrankungen wie Depressionen und Angststörungen – oft gewachsen aus jahrelangen Misserfolgserfahrungen und einem angeschlagenen Selbstwert. Wer als Coach nicht erkennt, dass aus dem „ADHS-Thema“ längst eine behandlungsbedürftige Depression oder Suizidalität geworden ist, gefährdet Menschen. Seriöse Begleitung heißt: die eigene Kompetenzgrenze kennen und rechtzeitig an Fachpersonal weiterverweisen – auch wenn das Umsatz kostet.
Alibi-Coaching im Unternehmen: Der Fisch im vergifteten Wasser
Auch Unternehmen tappen in die Falle: Ein Mitarbeiter mit ADHS „performt nicht“, also bekommt er ein Coaching verordnet – und wenn es nicht hilft, hat man ja „alles versucht“. Julies Bild dazu: Das ist, als würde man einem Fisch im vergifteten Wasser zurufen, er solle seine Flossen besser bewegen. Systemisch betrachtet ist so ein Coaching oft eine Stabilisierungsstrategie des Systems – die Verantwortung wird auf das Individuum verschoben, damit Strukturen und Prozesse nicht angetastet werden müssen.
Walters Fazit dazu ist deutlich: „Individuelle Optimierung heilt kein krankes System.“ Echte Neuroinklusion bedeutet, das Umfeld anzupassen – Strukturen, Kommunikation, Führung – statt am einzelnen Menschen herumzudoktern. Wie das konkret aussieht, haben wir mit Psychotherapeutin Ursula Guth besprochen: Autismus und ADHS im Job: Wie viel Eigenverantwortung ist fair?
Supplements, Promo-Codes und selbsternannte Expert:innen
Zum unseriösen Markt gehört auch die Supplement-Szene: Vitamin D, Omega 3 und ein Promo-Code als angebliche ADHS-Lösung. Das perfide daran: Wirkt es nicht, war die Dosierung „zu niedrig“ oder man hat „nicht genug gewollt“ – die Schuld landet wieder bei den Betroffenen.
Und schließlich: Betroffenheit ersetzt keine Fachausbildung. Wer ein autistisches Kind großzieht, ist Expertin für dieses eine Kind – und hat sich oft beeindruckend tief eingearbeitet. Aber wie Walter es formuliert: „Ich fahre Auto, aber ich bin noch kein Mechaniker.“ Unternehmen, die Beratung zu Neurodivergenz einkaufen, sollten auf nachweisbare Qualifikation achten – zum Schutz ihrer Mitarbeitenden.
Checkliste: Woran du seriöse ADHS-Unterstützung erkennst
- Nachweisbare, mehrjährige Qualifikation: Psychologie, Psychotherapie, klinische Ausbildung oder (in Österreich) Lebens- und Sozialberatung – kein 4-Wochen-Online-Zertifikat.
- Klare Kompetenzgrenzen: Seriöse Coaches sagen offen, was sie nicht behandeln dürfen – und verweisen bei Depression, Angststörungen oder Krisen aktiv an Fachpersonal weiter.
- Keine Heilversprechen: ADHS „wegcoachen“ kann niemand. Realistisch sind Selbstmanagement, Selbstakzeptanz und passende Strategien.
- Keine Produktverkäufe: Wer dir zur Diagnose gleich Supplements mit Promo-Code verkauft, verdient an deiner Hoffnung, nicht an deiner Besserung.
- Systemblick statt Individualisierung: Gute Begleitung im Unternehmenskontext fragt auch nach Strukturen, Führung und Arbeitsumgebung – nicht nur, was „mit dir nicht stimmt“.
FAQ: ADHS-Coaching
Ist ADHS-Coaching grundsätzlich sinnlos?
Nein. Bei Selbstmanagement, Selbstwert und Alltagsstrategien kann qualifiziertes Coaching sehr wirksam sein. Kritisch wird es, wenn Coaches ohne klinische Kompetenz Begleiterkrankungen übersehen oder behandeln, die in fachliche Hände gehören.
Darf sich in Österreich jeder „ADHS-Coach“ nennen?
Coaching gegen Entgelt ist in Österreich an reglementierte Gewerbe gebunden – etwa die Lebens- und Sozialberatung oder die Unternehmensberatung. In Deutschland ist „Coach“ dagegen keine geschützte Bezeichnung.
Sollten Unternehmen Coaches für neurodivergente Mitarbeitende engagieren?
Erst die Strukturen, dann das Coaching: Klare Kommunikation, angepasste Arbeitsumgebungen und geschulte Führungskräfte bringen mehr als individuelle „Optimierung“. Wenn Beratung, dann mit nachweisbarer Fachqualifikation.
Fazit: Weniger Bullshit, mehr Struktur
Der Appell der Folge in einem Satz: weniger Zertifikats-Coaching und Supplement-Versprechen, mehr Strukturen und Werkzeuge, die allen zugutekommen. Wenn du wissen willst, ob hinter deinen Schwierigkeiten wirklich ADHS steckt, hilft eine fundierte Diagnostik – nicht ChatGPT und kein Instagram-Reel. Mehr dazu in unserem Beitrag Hat jetzt jeder ADHS? 10 wissenschaftliche Antworten. Und wenn du qualifizierte Begleitung suchst: Julie arbeitet als Arbeitspsychologin und klinische Psychologin in Fachausbildung – alle Infos zum ADHS-Coaching in Graz.
Abonniere den Hirnzigartig-Podcast auf Spotify – und wenn du anderer Meinung bist: Wir laden gerne Gäste ein. Schreib uns an hallo@hirnzigartig.at.