Vielleicht ist dir oben auf unseren Artikeln der „ADHS-Modus“-Schalter aufgefallen: Das ist Bionic Reading. Es druckt den Anfang jedes Wortes fett – mit dem Versprechen, dass du schneller liest und leichter fokussierst. Klingt wie gemacht für ein ADHS-Gehirn. Aber funktioniert es wirklich? Die kurze Antwort der Forschung: nein. Die längere ist spannender.
Was Bionic Reading überhaupt ist
Erfunden hat es 2022 der Schweizer Typograf Renato Casutt. Nur der vordere Teil jedes Wortes wird fett gesetzt. Die Idee dahinter: Das Auge springt von Fixpunkt zu Fixpunkt, und das Gehirn „vervollständigt“ den Rest des Wortes automatisch. Die Methode ging viral – besonders in der ADHS- und Neurodivergenz-Community, wo Lesen und Dranbleiben oft besonders viel Energie kosten.
Was die Forschung sagt – nüchtern betrachtet
Sobald man Bionic Reading sauber testet, bleibt vom Tempo-Versprechen wenig übrig:
- Der Kognitionswissenschaftler Joshua Snell (Vrije Universiteit Amsterdam) ließ Menschen 100 Absätze abwechselnd in Bionic- und Normalschrift lesen. Ergebnis: kein signifikanter Unterschied in der Lesegeschwindigkeit. Der Titel der Studie ist Programm: „No, Bionic Reading does not work“ (Snell, 2024, Acta Psychologica).
- Eine Eye-Tracking-Studie von Možina, Kovačević und Blaznik bestätigt das: weder Tempo noch Verständnis verbessern sich – und die Augen wandern trotzdem über das ganze Wort. Das Gehirn „vervollständigt“ die nicht-fetten Buchstaben also gar nicht (Možina et al., 2025, SAGE Open).
- Ein großer, informeller Test mit über 2.000 Leser:innen kam sogar auf ein winziges Minus beim Tempo.
Der Grund ist simpel: Der langsamste Teil des Lesens ist nicht das Sehen, sondern das Verstehen. Das Auge schneller zu machen bringt nichts, wenn die Verarbeitung im Kopf gleich lang dauert.
No, Bionic Reading does not work.
Joshua Snell, Acta Psychologica (2024)
Und trotzdem: die Fidget-Toys-Lektion
Heißt das, Bionic Reading ist nutzlos? Nicht so schnell. Es geht uns hier wie bei den Fidget Toys: Objektiv liefern sie keinen Konzentrations-Boost – und trotzdem lieben viele sie, weil sie subjektiv angenehm sind und beim Runterkommen helfen. Bei Bionic Reading ist es ähnlich. Ein messbarer Tempo-Gewinn ist nicht belegt. Aber manche empfinden den Text als „aufgeräumter“, finden leichter den Einstieg oder bleiben eher dran. Und genau dieser Motivations- und Einstiegseffekt kann für ein ADHS-Gehirn real sein – auch wenn er nicht in Wörtern pro Minute auftaucht. Subjektive Präferenz ist eine valide, kostenlose und völlig harmlose Sache.
Also: probier es an dir selbst aus
Im Zweifel gilt bei solchen Tools dasselbe wie bei Fidget Toys: Teste es an dir. Auf unseren Artikeln reicht ein Klick auf den „ADHS-Modus“-Schalter ganz oben. Hilft es dir, dranzubleiben? Wunderbar, nutze es. Nervt es dich? Auch eine klare Antwort. Nur eines solltest du nicht erwarten – dass du dadurch nachweisbar schneller liest.
Häufige Fragen
Hilft Bionic Reading bei ADHS oder Legasthenie?
Bisher gibt es keine belastbaren Studien, die einen objektiven Vorteil bei Tempo oder Verständnis speziell für ADHS oder Legasthenie belegen. Subjektiv empfinden es manche Menschen aber als angenehmer.
Liest man mit Bionic Reading schneller?
Nach aktueller Studienlage nein. Kontrollierte Tests fanden keinen Geschwindigkeitsvorteil, teils sogar minimal langsameres Lesen.
Schadet Bionic Reading?
Nein. Die Methode ist harmlos und kostenlos. Wenn sie dir hilft, leichter dranzubleiben, spricht nichts dagegen, sie zu nutzen.