„Es hilft mir, mich zu konzentrieren“ – das sagen unzählige Menschen mit ADHS über ihre Fidget Toys. Die Studienlage sagt: leider nein. Zumindest nicht bei der Konzentration. Dafür können die kleinen Helfer etwas anderes erstaunlich gut. In unserer neuen Podcastfolge räumen Julie und Walter mit Mythen auf – wissenschaftlich fundiert und mit einer Kiste voller Fidget Toys vor der Kamera.
Diese Folge gibt es auch als Video – und weil wir jede Menge Fidget Toys in die Kamera halten, lohnt sich das Anschauen besonders:
Oder zum Anhören auf Spotify:
Fidget Toys und Konzentration: Was die Studien wirklich zeigen
Die unbequeme Wahrheit zuerst: Wenn es um messbare Konzentrations- oder Gedächtnisleistung geht, finden kontrollierte Studien keine Vorteile durch Fidget Toys – weder bei Kindern noch bei Erwachsenen, weder mit noch ohne ADHS. Eine aktuelle Meta-Analyse zu Fidget-Geräten als schulische Intervention (Schoenen et al. 2024) kommt ebenso zu diesem Ergebnis wie Klassenzimmer-Studien mit Fidget Spinnern bei Kindern mit ADHS (Graziano et al. 2020, Driesen et al. 2023).
Es kommt sogar noch dicker: Soares und Storm (2019) zeigten, dass die Nutzung eines Fidget Spinners die Erinnerungsleistung an eine Videovorlesung verschlechtert. Der wahrscheinliche Grund: Die Aufmerksamkeit springt zwischendurch doch immer wieder zum Spielzeug. Das Argument „mein Kind braucht den Fidget Spinner zum Konzentrieren“ hält der Studienlage also nicht stand.
Wo Fidget Toys tatsächlich helfen: Stress und Emotionsregulation
Ganz anders sieht es beim Thema Beruhigung aus. Bei Stressabbau, Angstmanagement und sensorischer Regulation finden Studien durchaus Effekte. Ein randomisiert-kontrolliertes Experiment (Aditya et al. 2021) zeigte etwa, dass Fidget Spinner als positive Ablenkung die Angst von Kindern während einer Spritze beim Zahnarzt messbar reduzierten. Auch Übersichtsarbeiten zur Rolle sensorischer Fidget Toys beim Stressabbau (Liu 2025) und Untersuchungen zu Angst und physiologischen Reaktionen bei Erwachsenen mit ADHS (Elahi et al. 2025) deuten in diese Richtung – wobei die Befunde, etwa bei der Herzratenvariabilität, nicht durchgehend einheitlich sind.
Das passt zur Erfahrung vieler neurodivergenter Menschen: Das Fidget Toy macht nicht schlauer – aber es beruhigt, gibt sensorischen Input und Sicherheit, gerade wenn soziale Situationen Stress bedeuten.
Warum es sich trotzdem hilfreich anfühlt
Walter bringt in der Folge einen Punkt, den die Studien so kaum abbilden: Das Fidget Toy ist eine niederschwellige Ablenkung. Wer die Hände mit einem Fidget Cube beschäftigt, greift seltener zum Handy oder öffnet den nächsten Browser-Tab – und diese Alternativen kosten deutlich mehr Aufmerksamkeit. Die Beschäftigung der Hände kann also indirekt helfen, im Gespräch zu bleiben, auch wenn sie die Konzentration selbst nicht steigert. Sein Tipp: „Macht euer Fidgeting beim Gesprächspartner transparent. Das hilft am allermeisten.“
Und was ist mit Kritzeln?
Kritzeln ist das sozial akzeptierteste Fidgeting im Büro – und hier ist die Evidenz differenzierter. Einfaches, strukturiertes Kritzeln (Formen schattieren, Os ausmalen) kann bei langweiligem Stoff Aufmerksamkeit und Erinnerung leicht verbessern (Andrade 2009, Boggs et al. 2017). Wird der Stoff komplex oder das Gekritzel aufwendig – etwa ein detaillierter Manga –, kippt der Effekt ins Kontraproduktive: Dann sind Notizen die bessere Wahl. Meditatives Ausmalen wiederum aktiviert Hirnareale, die mit Entspannung verbunden sind.
Praktische Tipps für Alltag, Büro und Schule
- Nichts nehmen, was rollt: Klingt banal, erspart aber das ständige Hinterherlaufen – besonders bei Kindern.
- Bouncing Bands ausprobieren: Elastische Bänder zwischen den Stuhlbeinen zeigen in Studien leicht positive Effekte – Kinder bekommen Widerstand und Raumwahrnehmung, ohne aufstehen zu müssen.
- Die nicht-dominante Hand nutzen: Fidget Toys bewusst auf der anderen Seite des Schreibtischs lagern – so wird auch die weniger trainierte Gehirnhälfte angesprochen.
- Transparent machen: Kurz erklären, warum man die Hände beschäftigt – das beugt dem Missverständnis vor, man höre nicht zu.
- Kein Geld nötig: Taschenmesser-Klappen, ein Gummiband, ein Zettel zum Kritzeln oder die Kopfhörer-Schachtel tun es auch.
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FAQ: Fidget Toys bei ADHS und Autismus
Helfen Fidget Toys bei ADHS wirklich bei der Konzentration?
Nach aktueller Studienlage nein – kontrollierte Untersuchungen finden keine Verbesserung der Konzentrations- oder Gedächtnisleistung, teilweise sogar leichte Verschlechterungen. Gut belegt sind dagegen Effekte bei Stressabbau und Emotionsregulation.
Sollten Fidget Toys in der Schule erlaubt sein?
Differenziert betrachtet: Als Konzentrationshilfe im Unterricht taugen sie laut Studien nicht, als Beruhigungswerkzeug in Stresssituationen schon eher. Leise Varianten, Bouncing Bands am Stuhl und klare Absprachen sind sinnvoller als ein Pauschalverbot – oder eine Pauschalerlaubnis.
Ist Kritzeln im Meeting unhöflich oder hilfreich?
Einfaches Kritzeln kann bei monotonen Inhalten sogar die Erinnerung leicht verbessern. Bei komplexen Inhalten sind Notizen besser. Am wichtigsten: kurz transparent machen, dass die beschäftigten Hände dem Zuhören dienen – nicht dem Desinteresse.
Fazit: Entspannungshelfer ja, Konzentrations-Booster nein
Fidget Toys sind kein Wundermittel für Konzentration – aber ein legitimes, günstiges Werkzeug für Stressregulation und sensorische Bedürfnisse. Und sie verdienen weniger Stigma: Wer die Hände beschäftigt statt zum Handy zu greifen, ist oft der aufmerksamere Gesprächspartner. Mehr über die Stärken neurodivergenter Gehirne liest du in unserem Beitrag 13 ADHS-Stärken im Beruf.
Die ganze Folge mit allen gezeigten Fidget Toys siehst du oben im Video. Abonniere den Hirnzigartig-Podcast auf Spotify, um keine Folge zu verpassen.
Studien und Quellen
- Soares, J. & Storm, B. (2019): Putting a negative spin on it. Applied Cognitive Psychology
- Nugroho, K. & Kurnianingtyas, M. (2020): The Effect of Fidgeting on Student Concentration Levels. IJIEEM
- Driesen, M. et al. (2023): Tools or Toys? Fidget Spinners and Bouncy Bands and Academic Performance in Children With Varying ADHD-Symptomatology. Contemporary Educational Psychology
- Graziano, P., Garcia, A. & Landis, T. (2020): To Fidget or Not to Fidget. Journal of Attention Disorders
- Schoenen, E. et al. (2024): A Meta-Analysis of Fidget Devices as Academic and Behavioral Interventions. School Psychology Review
- Schoenen, E. et al. (2024): Fidget Devices: A Meta-Analysis of Single-case Design Studies. Education and Treatment of Children
- Elahi, H. et al. (2025): Impact of fidget devices on anxiety and physiological responses in adults with ADHD. Research in Developmental Disabilities
- Liu, Y. (2025): The Rise of Sensory Fidget Toys. SHS Web of Conferences
- Woodward, K. & Kanjo, E. (2021): iFidgetCube: Tangible Fidgeting Interfaces to Monitor and Improve Mental Wellbeing. IEEE Sensors Journal
- Aditya, P. et al. (2021): Comparison of three distraction techniques to allay dental anxiety in children: RCT. Heliyon
- Sadri, H. & Moodithaya, S. (2021): Effectiveness of Toys in Relieving Acute Stress Measured by Heart Rate Variability. IJCRR
- Andrade, J. (2009): What does doodling do? Applied Cognitive Psychology
- Boggs, J., Cohen, J. & Marchand, G. (2017): The Effects of Doodling on Recall Ability. Psychological Thought
- Ifroz, E. et al. (2025): The Effect of Doodling and Drawing on Memory Recall in Young Adults. Inverge Journal of Social Sciences