Stärke oder Kompetenz? Charakterstärken bei ADHS und Autismus

Kurz gefasst

Was nach Stärke aussieht, ist manchmal eine hart erarbeitete Kompetenz. Das VIA-Modell mit seinen 24 Charakterstärken hilft, beides auseinanderzuhalten.

Exzellenz entsteht dort, wo Stärken auf Kompetenzen treffen. Der Artikel zeigt, was die Forschung zu Stärkenprofilen bei ADHS und Autismus sagt und was Führungskräfte daraus machen können.

„Du bist aber gut organisiert!“ – Walter hat diesen Satz oft gehört und sich viel darauf eingebildet. Bis er verstanden hat: Seine Organisation ist keine Stärke, sondern eine hart erarbeitete Kompetenz. Oder wie Julie es nennt: Notwehr. Der Unterschied klingt akademisch, ist aber einer der wichtigsten Schlüssel für Selbstverständnis, stärkenorientierte Führung – und für das, was in der Positiven Psychologie Exzellenz heißt. Genau darum geht es in dieser Podcastfolge über Charakterstärken und Neurodivergenz.

Das VIA-Modell: 24 Charakterstärken aus der Positiven Psychologie

Grundlage der Folge sind die 24 Charakterstärken nach Peterson und Seligman – von Kreativität über Liebe zum Lernen bis Tapferkeit. Das Besondere: Alle 24 sind „grundgut“, also positiv konnotiert und in ihrer Ausübung hilfreich. Im Coaching schaut man sich die Top-5 an und fragt: Was ist die einzigartige Stärkenkombination dieser Person – und wie lässt sich das Umfeld so gestalten, dass sie öfter ausgelebt werden kann? Testen kannst du dich kostenlos beim wissenschaftlichen Fragebogen der Universität Zürich auf charakterstaerken.org oder auf viacharacter.org.

Stärke, Kompetenz – und die Formel für Exzellenz

Im Alltag werfen wir Talent, Kompetenz und Stärke munter durcheinander. Wissenschaftlich sauber getrennt heißt es: Eine Stärke drängt aus dir heraus, du liebst sie und sie gibt dir Energie zurück. Eine Kompetenz ist etwas, das du gut kannst – vielleicht sogar brauchst –, das dir aber keine Energie zurückgibt. Und daraus ergibt sich Julies Exzellenz-Formel: Exzellenz entsteht, wenn beides zusammentrifft – ich mag etwas, ich kann es gut, und es gibt mir Energie zurück.

Zur Unterscheidung nutzen Julie und Walter die vier Reflexionsfragen nach Markus Ebner:

  1. Drängt es aus mir heraus?
  2. Würde es mir fehlen, wenn ich die Aufgabe nicht mehr tun könnte?
  3. Kostet es Energie, wenn ich es zurückhalten müsste, weil es in einer Situation unpassend ist?
  4. Mache ich manchmal zu viel davon?

Walters Tapferkeit: drei von vier Fragen mit Ja

Spannend wird es am Live-Beispiel: In Walters VIA-Ergebnis steht Tapferkeit weit oben – aber sie drängt nicht aus ihm heraus. Sie würde ihm fehlen, sie zurückzuhalten kostet Energie, aber es ist eine Fähigkeit, die er sich erarbeitet hat, um sein Leben in einer neuronormativen Welt zu bewältigen. Drei von vier Fragen mit Ja: ein Grenzfall zwischen Stärke und Kompetenz – und ein typischer für neurodivergente Menschen.

Julie beobachtet das im Coaching häufig, gerade rund um Masking: Bei autistischen Menschen wird Direktheit oft als „Mut“ gelesen. Dabei ist die Rechnung genau umgekehrt – den neuronormativen Menschen kostet es Mut, in der Gruppe zu widersprechen. Autistische Menschen kostet es Kraft, sich an soziale Konventionen anzupassen und nichts zu sagen. Für Teams ist diese Direktheit ein unterschätzter Gewinn: Da spricht jemand Dinge an, die sonst unausgesprochen bleiben.

Charakterstärken bei ADHS und Autismus: Was die (junge) Forschung zeigt

Ehrliche Einordnung vorweg: Die Positive Psychologie ist eine junge Forschungsrichtung. Als eigenes Feld gibt es sie seit etwa 2000 (Seligman & Csikszentmihalyi, 2000). Zur Kombination mit Neurodivergenz ist die Studienlage noch dünn und bezieht sich meist auf Kinder. Eine Zwillingsstudie aus dem US-Bundesstaat Minnesota mit 336 Erwachsenen fand, dass 21 der 24 Charakterstärken zum Teil erblich sind (Steger et al., 2007). Zu Neurodivergenz sagt sie nichts. Die folgenden Listen stammen zum großen Teil aus Selbstbeschreibungen und Beobachtungen in der Praxis:

  • Autismus-Spektrum: In einer kleinen Studie mit 32 autistischen Erwachsenen standen Aufgeschlossenheit, Kreativität und Liebe zum Lernen am häufigsten unter den Top-Stärken. In der Vergleichsgruppe waren es Humor, Liebe, Freundlichkeit und Fairness (Kirchner et al., 2016). Oft genannt werden außerdem Ehrlichkeit, Detailgenauigkeit, Mustererkennung, tiefe Spezialinteressen und gute Gedächtnisleistungen in Spezialgebieten. Das beruht vor allem auf Selbstbeschreibungen und Beobachtungen.
  • ADHS: In Selbstbeschreibungen und in der Praxis tauchen Kreativität, Mut und Tapferkeit, Humor und soziale Intelligenz auf, dazu Hyperfokus-Phasen, Abenteuerlust, Nonkonformität und divergentes Denken. Im Vergleich von 200 Erwachsenen mit und 200 ohne ADHS schätzten sich die Erwachsenen mit ADHS vor allem bei Kreativität, Hyperfokus, Humor und Spontaneität höher ein. Bei Ausdauer lag die Vergleichsgruppe leicht vorn (Hargitai et al., 2025). Resilienz ist als ADHS-Stärke kaum belegt.

Die Liebe zum Lernen erklärt übrigens auch den typischen a-linearen Lebenslauf vieler ADHSler:innen – bunte Zertifikate, autodidaktisch erarbeitete Themen, häufige Wechsel. Wer im Recruiting nur nach geraden Karrieren sucht, sortiert genau diese Lernmaschinen aus (mehr dazu in unserem Beitrag über Autismus am Arbeitsplatz und den blinden Fleck im Recruiting).

Wenn Kompetenz Notwehr ist: Blackouts, Mitschreiben und Gedächtnis

Die Folge zeigt die Kehrseite ungeplant und live: Mitten im Gespräch über ADHS und Gedächtnis hat Walter einen echten Blackout und verliert den Faden komplett. Von außen sieht so ein Moment aus wie Desinteresse („er hat nicht zugehört“) – dabei reicht oft ein einziges Stichwort, und alles ist wieder da. Wer solche Situationen sein Leben lang erlebt, entwickelt zwangsläufig Anpassungsfähigkeit, Flexibilität und soziales Gespür – und Strategien: viel mitschreiben, penibel strukturieren. Das ist dann keine Stärke, sondern, wie Julie es nennt, Notwehr. Es funktioniert, aber es kostet Kraft.

Wie viel Leidensdruck hinter der ADHS-Vergesslichkeit stecken kann, erzählt Julie an einem berührenden Beispiel aus der Diagnostik: eine Frau über 40, belesen, klug – und mit dem Gefühl, dass Wissen bei ihr „nicht haften bleibt“, während alle anderen über ihr Leben Wissen aufbauen. Julies klinische Einordnung dazu in der Folge: ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung (Faraone et al., 2021). Das Arbeitsgedächtnis ist bei Erwachsenen mit ADHS im Schnitt schwächer (Alderson et al., 2013). Das kann erklären, warum Neues schlechter hängen bleibt. Eine gut eingestellte Medikation kann die Symptome verringern. Besprich das mit deiner Fachärztin oder deinem Facharzt.

Vergleich von Stärke und Kompetenz nach Herkunft und Energie, vier Prüffragen sowie vier Handlungsschritte für Führungskräfte zur stärkenorientierten Führung.

Was Führungskräfte konkret tun können

  • Die Freizeit-Frage stellen: Frag beim Kaffee, was Leute freiwillig tun, wofür sie kein Geld bekommen – Hobbys, Ehrenämter. Und dann mit wohlwollender Neugier nach: Was fasziniert dich daran? Dort verstecken sich die Stärken.
  • Die 60/40-Faustregel aus der Praxis anpeilen: rund 60 % Stärken, 40 % Kompetenzen. Studien zu genau dieser Aufteilung und zu Folgen für Krankenstände oder Fluktuation sind uns nicht bekannt. In einer Studie der Universität Zürich mit 111 Beschäftigten berichteten jene, die vier bis sieben ihrer Top-Stärken im Job einsetzen konnten, mehr positive Erlebnisse bei der Arbeit und erlebten ihren Job eher als Berufung (Harzer & Ruch, 2012).
  • Stärken zum Team-Event machen: Eine Jahresklausur zu den Charakterstärken im Team stärkt nebenbei das soziale Gefüge – es gibt dafür ausgebildete Facilitator:innen.
  • Stärken von Notwehr unterscheiden: Wer nur auf sichtbare Leistung schaut, verwechselt teure Kompensation mit Talent – und wundert sich über Erschöpfung.

FAQ: Charakterstärken und Neurodivergenz

Was ist das VIA-Modell?

Ein Modell der Positiven Psychologie nach Peterson und Seligman, das 24 universelle, positiv konnotierte Charakterstärken beschreibt – kostenlos messbar, etwa über den wissenschaftlichen Fragebogen der Universität Zürich.

Was ist der Unterschied zwischen Stärke, Kompetenz und Exzellenz?

Eine Stärke drängt aus dir heraus und gibt Energie, eine Kompetenz ist erlernt und kostet Energie. Exzellenz entsteht dort, wo beides zusammenkommt: Du magst etwas, kannst es gut und bekommst Energie zurück.

Haben Menschen mit ADHS besondere Stärken?

In der Coaching-Praxis und in Selbstbeschreibungen tauchen Muster wie Liebe zum Lernen, Kreativität, Humor und soziale Intelligenz immer wieder auf. Im Vergleich mit Menschen ohne ADHS schätzen sich Erwachsene mit ADHS vor allem bei Kreativität, Hyperfokus, Humor und Spontaneität höher ein. Die Forschung dazu ist aber noch jung – und Stärkenprofile bleiben individuell: Auch mit derselben Neurodivergenz sind Menschen verschieden.

Fazit: Geht auf Stärkensuche

Exzellenz entsteht durch Passung: Menschen dort einsetzen, wo ihre Stärken auf ihre Kompetenzen treffen. Das setzt neugierige Führungskräfte voraus – unabhängig von jeder Diagnose. Was Studien zu ADHS-Stärken zeigen und was Menschen mit ADHS selbst berichten, liest du im Artikel ADHS-Stärken im Beruf: belegt oder berichtet. Und wenn du stärkenorientiertes Führen lernen willst: Genau dabei unterstützt unser Führungskräftecoaching.

Die ganze Folge – inklusive Walters Live-Blackout – hörst du oben im Player. Abonniere den Hirnzigartig-Podcast auf Spotify, um keine Folge zu verpassen.

Weiterlesen: Warum sich echte Stärken hinter einem ungeraden Lebenslauf im Bewerbungsprozess oft nicht zeigen – und wie inklusives Recruiting das ändert.

Du willst dein eigenes Stärkenprofil mit VIA-120 erheben lassen? Es ist Teil der Berufsorientierung, zusammen mit Interessen, Persönlichkeit und Werten: Berufsorientierung bei ADHS und Autismus →

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Julie Simstich
Fachlich geprüft von Julie Simstich

Julie Simstich – Arbeits- & klinische Psychologin (in Fachausbildung), Organisationssoziologin, TEDx-Speakerin, WKO/UBIT Expert Group Human Resources (Steiermark). Sie begleitet Unternehmen bei Neuroinklusion und arbeitet klinisch am PSY2 Institut Gleisdorf. Mehr über Julie → · LinkedIn

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