Identität oder Diagnose? Der Kampf um den Begriff Neurodivergenz

Kurz gefasst

Ob Borderline oder die bipolare Störung als neurodivergent gelten, ist umstritten. Der Begriff kommt aus der Selbstvertretung, eine klinische Definition gibt es nicht.

Unterschiede im Gehirn taugen als Trennlinie wenig: Es gibt sie auch bei Schizophrenie, Depression und Narzissmus, und Psychotherapie verändert das Gehirn ebenfalls. Weiter führen zwei Fragen: Besteht das Muster seit der Kindheit? Und ist sein Verschwinden ein sinnvolles Behandlungsziel?

Warum die Frage so viel Sprengstoff hat

„Ist Borderline neurodivergent?“ Unter solchen Posts dauert es selten länger als drei Kommentare, bis der Streit da ist. Eine Person schreibt, das seien psychische Störungen und damit etwas anderes. Die nächste nennt das ableistisch. Danach redet niemand mehr über die Frage.

In der Podcastfolge haben Walter und ich das ein Pulverfass genannt. Der Streit dreht sich um Zugehörigkeit: Wer gehört dazu, und wer hat Anspruch auf welche Art von Unterstützung?

Woher die Begriffe kommen

„Neurodiversity“ wird meist der australischen Soziologin Judy Singer zugeschrieben, die 1999 ein Buchkapitel dazu veröffentlicht hat. Gedruckt stand das Wort erstmals 1998 bei dem Journalisten Harvey Blume in The Atlantic. Eine Gruppe um Monique Botha hat die Zuschreibung an eine einzelne Person 2024 korrigiert: Neurodivergente Menschen haben das Konzept gemeinsam entwickelt, und von „neurological diversity“ war schon Jahre vorher die Rede (Botha et al., 2024).

„Neurodivergent“ ist ein eigenes Wort mit eigener Herkunft. Geprägt hat es laut Nick Walker im Jahr 2000 die Aktivistin Kassiane Asasumasu (Walker, Basic Terms & Definitions). Beide Begriffe stammen aus der Selbstvertretung. Eine Diagnose namens Neurodivergenz gibt es weder in der ICD-11 noch im DSM-5.

Am Anfang ging es um Autismus. Inzwischen wird Neurodiversität auch für ADHS, Dyslexie, Dyspraxie und Dyskalkulie geltend gemacht (Baron-Cohen, 2017). Seit einigen Jahren fragen auch Menschen mit Borderline oder einer bipolaren Störung, warum sie draußen bleiben sollen.

Wenn alle neurodivergent sind

Je weiter der Begriff wird, desto weniger sagt er. Wenn jede psychische Besonderheit darunter fällt, verlieren autistische Menschen und Menschen mit ADHS ein Wort, das ihnen eine Community und ein Selbstbild ohne Defizit-Stempel gegeben hat. Umgekehrt hilft es niemandem mit Borderline, wenn die Antwort lautet: „Du gehörst nicht dazu.“ Das Leid ist ja da. Für wen der Neurodiversitäts-Ansatz gilt, ist auch in der Forschung offen (Dwyer, 2022).

Vier Begriffe, die die Debatte sortieren

Simon Baron-Cohen leitet das Autism Research Centre an der Universität Cambridge. Im Jahr 2000 hat er gefragt, ob Asperger und hochfunktionaler Autismus zwingend als Behinderung gelten müssen oder ob „Unterschied“ die fairere Beschreibung ist (Baron-Cohen, 2000; Baron-Cohen, 2002). 2017 hat er in einem Editorial vier Begriffe gegeneinander abgegrenzt: difference, disability, disorder und disease. Einen eigenen Namen gibt Baron-Cohen dieser Vierergruppe nicht.

Ein Wort zu Baron-Cohen selbst. In der autistischen Community ist er umstritten, und das zu Recht. Er hat Autismus als extreme Ausprägung eines „männlichen Gehirns“ beschrieben (Baron-Cohen et al., 2005). Die Kritik daran: Die These ordnet Fähigkeiten ohne überzeugenden Grund einem Geschlecht zu und kann dazu beitragen, dass Mädchen und Frauen bei der Diagnose benachteiligt werden (Krahn & Fenton, 2012). Methodisch dreht sie sich im Kreis, weil das „männliche Gehirn“ allein über Fragebogenwerte bestimmt wird (Ridley, 2019).

Trotzdem hat Baron-Cohen die Autismusforschung über Jahrzehnte vorangebracht. Von ihm und seinem Team stammen der CHAT, ein Screening für Kinder mit 18 Monaten (Baron-Cohen et al., 1992), und der Autismus-Spektrum-Quotient, ein Fragebogen für Erwachsene (Baron-Cohen et al., 2001), der in der Forschung breit eingesetzt wird (Ruzich et al., 2015). Walter und ich kennen die Kritik. Für mich ist sie kein Grund, alles zu verwerfen, was er geschrieben hat. Seine vier Begriffe prüfe ich in diesem Artikel an den Daten, und wo ich ihm widerspreche, steht das dabei.

Difference: Unterschied

Das Gehirn arbeitet anders als der Durchschnitt. Ein autistischer Mensch verarbeitet Reize anders, ein Mensch mit ADHS steuert Aufmerksamkeit anders. Ob daraus ein Problem wird, ist damit noch offen.

Disability: Behinderung

Jemand kommt in einem Bereich schlechter zurecht als der Durchschnitt und braucht Unterstützung. Wie stark, hängt an der Umgebung. Baron-Cohen bringt dafür das Bild vom Fisch, der behindert wirkt, sobald er auf einen Baum klettern soll. Übertragen auf ADHS: Dasselbe Kind, das im Frontalunterricht untergeht, kann mit kurzen Arbeitsphasen und klaren Abläufen gut mitkommen.

Disorder: Störung

Hier gibt es zwei Lesarten. Im klinischen Alltag heißt Störung: Die Kriterien einer Diagnose sind erfüllt. ADHS steht als „Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder“ im DSM-5, verlangt werden mehrere Symptome vor dem Alter von zwölf Jahren und eine Beeinträchtigung im Alltag. Baron-Cohen fasst den Begriff enger. Für ihn passt „disorder“, wenn ein Zustand nichts Positives mit sich bringt oder wenn jemand trotz angepasster Umgebung nicht zurechtkommt. Als unstrittige Beispiele nennt er Depression, schwere Angst, Anorexie und Psychose. Bei Autismus sieht er Unterschied und Zeichen von Behinderung, das Wort Störung lehnt er dort ab und hält es für unvereinbar mit Neurodiversität.

Disease: Krankheit

Von Krankheit spricht Baron-Cohen erst, wenn die biomedizinische Ursache einer Störung bekannt ist. Bei den meisten psychiatrischen Diagnosen ist sie das bis heute nicht.

Vier Kacheln erklären Unterschied, Behinderung, Störung und Krankheit mit je einer Frage zum Selbstcheck, darunter zwei Fragen, die Diagnosen besser trennen.

Die vier Begriffe im Test

Baron-Cohen wendet seine Begriffe auf Autismus an. Die Einordnung der anderen Diagnosen in diesem Abschnitt ist meine Lesart, sie steht so in keiner Studie.

ADHS

Unterschied: ja, mit Einschränkung. Die Erblichkeit liegt bei rund 74 Prozent (Faraone & Larsson, 2019). Eine PET-Studie mit 53 unmedizierten Erwachsenen mit ADHS und 44 Kontrollpersonen fand weniger verfügbare Dopamin-Transporter und -Rezeptoren im Belohnungssystem (Volkow et al., 2009). Ehrlich dazu: Solche Unterschiede zeigen sich im Gruppenvergleich, sie sind klein und taugen nicht für die Diagnose einer einzelnen Person (Faraone et al., 2021). In einer Mega-Analyse von Hirnscans mit 1.713 Menschen mit ADHS und 1.529 Kontrollpersonen waren die Volumenunterschiede bei Erwachsenen statistisch nicht mehr nachweisbar (Hoogman et al., 2017).

Behinderung: häufig, und stark abhängig vom Umfeld. Störung: nach den Diagnosemanualen ja. Krankheit im Sinn von Baron-Cohen: nein, die Ursache ist meist polygen und im Einzelnen ungeklärt. Zu ADHS selbst steht bei Baron-Cohen ein einziger Satz: Für ADHS, Dyslexie, Dyspraxie, Dyskalkulie und Synästhesie werde die Aufnahme unter das Dach der Neurodiversität vertreten.

Autismus

Unterschied: ja. Behinderung: Baron-Cohen ist hier deutlich. Wer kein Anzeichen von Behinderung zeigt, bekäme nach seiner Lesart gar keine Diagnose. Störung: Im DSM-5 heißt die Kategorie „Autism Spectrum Disorder“. Baron-Cohen widerspricht dem Wort, lässt aber offen, dass manche Formen von Autismus als Störung richtig beschrieben sind. Eine begleitende Epilepsie ordnet er klar so ein. Krankheit: nein.

Auch das Wohlbefinden hängt am Umfeld. In einer Befragung von 111 autistischen Erwachsenen hingen Akzeptanz durch andere und Selbstakzeptanz mit weniger depressiven Symptomen zusammen (Cage et al., 2018).

Borderline

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung zeigt sich in abrupten Wechseln von Selbstbild, Beziehungen und Gefühlen, in Impulsivität, Leeregefühlen, Selbstverletzung und suizidalem Verhalten (Leichsenring et al., 2023). Sie beginnt typischerweise in der Jugend (Bohus et al., 2021).

Unterschied: ja, im Gruppenvergleich. Bildgebungsstudien finden Auffälligkeiten in einem Netzwerk aus Amygdala, Insula und frontalen Kontrollregionen, wobei offen ist, ob sie spezifisch für Borderline sind (Krause-Utz et al., 2014). Die Erblichkeit liegt in einer schwedischen Registerstudie bei 46 Prozent (Skoglund et al., 2021). Der zweite große Faktor ist die Biografie. Eine Metaanalyse über 97 Studien fand in den Fall-Kontroll-Vergleichen: Die Chance, von belastenden Kindheitserfahrungen zu berichten, lag bei Menschen mit Borderline knapp 14-mal so hoch wie bei Menschen ohne psychische Diagnose (Odds Ratio 13,91). In Bevölkerungsstudien fiel der Zusammenhang deutlich kleiner aus (Porter et al., 2020). Anlage und Erfahrung wirken also zusammen.

Behinderung: ja, oft massiv. Störung: ja, nach den Diagnosemanualen. Baron-Cohen selbst äußert sich zu Borderline nicht. Sein engerer Maßstab passt hier schlecht, denn er trennt Person und Umgebung, und bei Borderline lässt sich das kaum trennen. Das biosoziale Modell von Marsha Linehan beschreibt die Störung als Zusammenspiel aus einer angeborenen emotionalen Verletzlichkeit und einem Umfeld, das Gefühle abwertet (Crowell et al., 2009). Krankheit: nein, ein biomedizinischer Mechanismus ist nicht bekannt. Behandelt wird in erster Linie mit Psychotherapie (Leichsenring et al., 2023).

Der Verlauf ist besser als sein Ruf. In einer Langzeitstudie mit 290 stationär behandelten Patient:innen erreichten über 16 Jahre zwischen 78 und 99 Prozent eine Remission der Symptome, je nachdem, ob sie zwei oder acht Jahre anhalten musste. Eine Genesung mit stabilem Sozial- und Berufsleben schafften 40 bis 60 Prozent (Zanarini et al., 2012).

Borderline und Autismus: wie groß die Überschneidung ist

Oft heißt es, Borderline und Autismus würden sich stark überlappen, vor allem bei Frauen. Bei den Diagnosen trägt die Datenlage das bisher nicht eindeutig. Eine systematische Übersicht mit 19 Studien, von denen 12 in die Metaanalyse eingingen, kommt auf 4 Prozent Borderline bei autistischen Menschen und 3 Prozent Autismus bei Menschen mit Borderline (May et al., 2021). Beide Werte liegen im Bereich dessen, was in der Gesamtbevölkerung zu erwarten ist. Eine weitere Übersicht über 15 Studien mit Persönlichkeitsstörungen aller Art fand vorläufige Hinweise auf häufigere Autismus-Diagnosen und mehr autistische Züge. Die Methoden der Studien waren sehr uneinheitlich (Gillett et al., 2022). Bei einzelnen Merkmalen gibt es die Überschneidung: Menschen mit Borderline zeigen erhöhte autistische Züge (Dudas et al., 2017).

Fehldiagnosen kommen trotzdem vor. In einer Interviewstudie beschreiben zehn autistische Erwachsene, wie sie zuerst eine Borderline-Diagnose bekamen und was das für sie bedeutet hat (Tamilson et al., 2025). Wie sich beide Diagnosen klinisch trennen lassen, hat Kimberley Guest in einer Delphi-Studie mit 51 Expert:innen untersucht, darunter 18 mit eigener Erfahrung (Guest, 2021). Die Arbeit ist eine Dissertation ohne Peer-Review.

Ist Borderline dann eine neurodivergente Reaktion auf Trauma? Die Idee kursiert, belegt ist sie nicht. Am nächsten kommt ihr ein Befund zu ADHS: Bei Erwachsenen, die als Kind ADHS hatten, wird Borderline häufig diagnostiziert. Ob ADHS ein Risikofaktor ist, gilt als ungeklärt (Matthies & Philipsen, 2014). Ich behandle die Idee deshalb als offene Hypothese.

Bipolare Störung

Unterschied: ja, auf Gruppenebene. Die Erblichkeit liegt bei rund 70 Prozent, die genaue Entstehung ist unbekannt (McIntyre et al., 2020). Eine MRT-Auswertung von 6.503 Personen fand einen dünneren Kortex in frontalen, temporalen und parietalen Regionen (Hibar et al., 2018).

Behinderung: in den Episoden klar. Dazwischen klingen die Symptome bei den meisten ab, die Rückkehr in Beruf und Alltag gelingt aber seltener und später (Gitlin & Miklowitz, 2017), und kognitive Einbußen lassen sich auch in stabilen Phasen messen (Bourne et al., 2013). Störung: ja. Krankheit im Sinn von Baron-Cohen: nein, solange der Mechanismus fehlt. Behandelt wird trotzdem medizinisch, mit Lithium als Standard und begleitender psychosozialer Therapie (McIntyre et al., 2020).

Die Einordnung im Überblick

DiagnoseUnterschiedBehinderungStörung laut DiagnosemanualKrankheit (Ursache bekannt)Stand in der Debatte
ADHSja, im Gruppenvergleichhäufig, abhängig vom Umfeldjaneinfest verankert
Autismusja, im Gruppenvergleichja, abhängig vom UmfeldjaneinAusgangspunkt der Bewegung
Dyslexieja, im Gruppenvergleichhäufigjaneinfest verankert
Borderlineja, im Gruppenvergleichjajaneinumstritten
Bipolare Störungja, im Gruppenvergleichin Episoden, teils auch dazwischenjaneinumstritten
Depressionja, im Gruppenvergleichjajaneinmeist nicht dazugezählt
Schizophrenieja, im Gruppenvergleichjajaneinmeist nicht dazugezählt
Narzisstische Persönlichkeitsstörungja, im Gruppenvergleichjajaneinkaum diskutiert

Auch bei Depression und Schizophrenie zeigen große Auswertungen Unterschiede im Gruppenvergleich (Schmaal et al., 2016; van Erp et al., 2018). Die Spalte „Unterschied“ trennt die Diagnosen also gar nicht.

Warum das Gehirn die Frage nicht entscheidet

„Neurodivergent heißt, dass das Gehirn anders arbeitet.“ Der Satz steht in vielen Erklärungen, und als Kriterium trägt er nicht weit. Eine Auswertung von 193 Bildgebungsstudien mit 15.892 Personen fand über sechs Diagnosegruppen hinweg weniger graue Substanz in denselben drei Regionen. Dabei waren Schizophrenie, bipolare Störung, Depression, Sucht, Zwangs- und Angststörungen (Goodkind et al., 2015).

Schizophrenie: das Beispiel, das irritiert

Nimmt man Genetik und Hirnentwicklung als Maßstab, steht Schizophrenie näher bei Autismus und ADHS als Borderline. Dass Störungen der frühen Hirnentwicklung zur Entstehung beitragen, ist breit akzeptiert. Genomstudien zeigen, dass Schizophrenie genetische Risiken und Entstehungswege mit intellektueller Beeinträchtigung, Autismus und ADHS teilt. Michael Owen und Michael O’Donovan ordnen sie deshalb auf einem gemeinsamen Kontinuum an (Owen & O’Donovan, 2017). In der Debatte um das Wort „neurodivergent“ kommt Schizophrenie trotzdem kaum vor.

Narzissmus gehört in dieselbe Reihe

Für die narzisstische Persönlichkeitsstörung gilt dasselbe. Eine Studie verglich 17 Patient:innen mit 17 Kontrollpersonen und fand weniger graue Substanz in der linken vorderen Inselrinde. Das Volumen dieser Region hing mit der selbst berichteten emotionalen Empathie zusammen (Schulze et al., 2013). Die Stichprobe ist klein, für das Argument genügt sie: Wer „das Gehirn ist anders“ zum Kriterium macht, müsste auch Narzissmus neurodivergent nennen.

Psychotherapie verändert das Gehirn

Der Befund hat eine zweite Seite. Eine systematische Übersicht über Längsschnittstudien zeigt, dass sich nach Psychotherapie je nach Störung auffällige Aktivitätsmuster normalisieren oder zusätzliche Regionen aktiv werden (Barsaglini et al., 2014). Bei Borderline ist das auch für die Struktur belegt: Nach zwölf Wochen stationärer Dialektisch-Behavioraler Therapie hatten 31 Patientinnen mehr graue Substanz im vorderen Gyrus cinguli und in zwei weiteren Regionen als 17 Patientinnen mit üblicher Behandlung (Mancke et al., 2018). In einer kleineren Studie mit elf Patient:innen sank nach zwölf Monaten DBT die Aktivität der Amygdala (Goodman et al., 2014).

Es geht also in beide Richtungen: Erfahrung und Behandlung verändern das Gehirn. Ein messbarer Unterschied sagt deshalb wenig darüber, ob etwas angeboren ist oder bleibt.

Zwei Fragen, die besser trennen

Aus meiner Sicht trennen zwei Fragen besser als der Blick ins Gehirn.

Die erste: Besteht das Muster seit der Kindheit, und bleibt es über das Leben bestehen? Die ICD-11 und das DSM-5 fassen solche Diagnosen in einer eigenen Gruppe zusammen. Dazu gehören Autismus, ADHS, Lernstörungen wie die Legasthenie, intellektuelle Beeinträchtigung sowie Sprach- und motorische Entwicklungsstörungen (Michelini et al., 2024). Sie zeigen sich meist im ersten Lebensjahrzehnt und bleiben als Merkmal der Person bestehen. Die ICD-11 zählt auch die Tic-Störungen dazu (Tebartz van Elst et al., 2025).

Die zweite: Ist das Verschwinden ein sinnvolles Behandlungsziel? Eine Depression oder eine Posttraumatische Belastungsstörung behandelt man mit dem Ziel der Remission, während bei Autismus Belastungen und Begleiterkrankungen behandelt werden und die Art zu denken bleibt.

Mit beiden Fragen sortiert sich das Feld so:

  • ADHS, Autismus, Legasthenie, Dyskalkulie, Dyspraxie und Tourette: Sie beginnen früh und bleiben, ein Heilungsziel gibt es nicht. Hier trägt der Neurodiversitäts-Ansatz.
  • Bipolare Störung: eine lebenslange Anlage mit hoher Erblichkeit, im Verlauf episodisch und medizinisch behandlungsbedürftig. Als Selbstbezeichnung kann ich „neurodivergent“ nachvollziehen. Die Folgerung „Umgebung statt Behandlung“ wäre gefährlich.
  • Borderline: zähle ich nicht dazu. Die Biografie wiegt schwer, Psychotherapie wirkt. Die meisten erreichen über die Jahre eine Remission, und das passt schlecht zu „lebenslang anders“.
  • Schizophrenie: Die Anlage reicht in die Hirnentwicklung zurück. Die Erkrankung zeigt sich aber meist erst nach der Kindheit und wird mit dem Ziel der Remission behandelt.
  • Depression, Angststörungen und PTBS: Zustände mit Behandlungsziel. Nick Walkers weite Definition zählt sie mit, fachlich führe ich sie als Begleiterkrankungen.

Baron-Cohens Maßstab halte ich für den schwächsten Teil seiner Einteilung. Ob ein Zustand „etwas Positives mitbringt“, ist eine Wertung. Und eine passende Umgebung reicht auch vielen Menschen mit ADHS oder Autismus nicht, sonst bräuchte es weder Medikation noch Therapie. Sein Kriterium sortiert einzelne Menschen und Lebensbereiche, für ganze Diagnosen ist es zu grob.

Ich verwende das Wort deshalb auf zwei Ebenen: fachlich für die Entwicklungsstörungen der ICD-11 und als Selbstbezeichnung offen für alle, die sich darin wiederfinden. Es kommt aus der Selbstvertretung, und dort entscheidet niemand über die Zugehörigkeit.

Jäger und Farmer: wo das Bild endet

Thom Hartmann hat 1993 in „Attention Deficit Disorder: A Different Perception“ die Idee beschrieben, Menschen mit ADHS seien Jäger:innen in einer Welt von Farmer:innen. Das ist eine populärwissenschaftliche Hypothese. Zwei Befunde passen dazu. In einer Online-Sammelaufgabe verließen Personen mit positivem ADHS-Screening Felder mit nachlassendem Ertrag früher und kamen auf höhere Erträge (Barack et al., 2024). Bei den Ariaal in Kenia hatten Träger der Genvariante DRD4-7R, die mit ADHS in Verbindung gebracht wird, unter 65 nomadisch lebenden Männern einen höheren BMI und unter 87 sesshaften einen niedrigeren (Eisenberg et al., 2008). Ein Beweis für die Hypothese ist beides nicht.

Als Bild kann die Geschichte entlasten. Sie trägt so weit, wie ein Zustand auch eine nutzbare Seite hat. Jemandem in einer depressiven Episode zu sagen, er sei eben ein Jäger, wäre zynisch. Dasselbe gilt für die Gefühlsstürme bei Borderline.

Was die Einordnung für die Unterstützung bedeutet

Baron-Cohen begründet, warum die Wörter zählen: Behinderung verlangt Unterstützung und Akzeptanz durch die Gesellschaft, bei einer Störung wird üblicherweise Behandlung erwartet. Für dich heißt das: Die Frage „Bin ich neurodivergent?“ bringt dich weniger weit als die Frage, was davon eine passende Umgebung braucht und was eine Behandlung.

  • ADHS und Autismus: Anpassungen in Schule, Arbeit und Alltag stehen vorne. Behandlung kann dazukommen, bei ADHS etwa Medikation und Psychotherapie.
  • Borderline: Psychotherapie ist das Mittel der Wahl. Wer zusätzlich autistische Züge oder ADHS vermutet, braucht eine Diagnostik, die beides anschaut.
  • Bipolare Störung: Medikation und psychosoziale Behandlung, dazu ein Umfeld, das Schwankungen einplant.

Für dich als Führungskraft heißt das: Du musst keine Diagnose kennen, um zu fragen, welche Arbeitsbedingungen jemand braucht. Wie das im Unternehmen aussieht, steht auf der Seite zur Neuroinklusion.

Womit du aus der Debatte herauskommst

Ob Borderline oder die bipolare Störung „neurodivergent“ heißen dürfen, entscheidet keine Fachgesellschaft, weil der Begriff aus der Community kommt. Nick Walker, deren Definitionen in der Bewegung viel verwendet werden, zählt erworbene Formen ausdrücklich mit, etwa nach Trauma. Baron-Cohen zieht die Grenze dort, wo ein Zustand nichts Positives hat oder Anpassungen nicht reichen. Beide Positionen sind begründet, und sie führen zu verschiedenen Antworten. Meine eigene Antwort sind die zwei Fragen von weiter oben.

Wenn du selbst betroffen bist, nimm die vier Begriffe als Fragen mit: Was an mir ist einfach anders? Wo behindert mich die Umgebung? Was davon ist eine Diagnose? Und wo brauche ich Behandlung, auch wenn die Umgebung stimmt?

Quellen

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Julie Simstich
Fachlich geprüft von Julie Simstich

Julie Simstich – Arbeits- & klinische Psychologin (in Fachausbildung), Organisationssoziologin, TEDx-Speakerin, WKO/UBIT Expert Group Human Resources (Steiermark). Sie begleitet Unternehmen bei Neuroinklusion und arbeitet klinisch am PSY2 Institut Gleisdorf. Mehr über Julie → · LinkedIn

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