Die Szene: Ein roter Punkt auf dem Boden
Stellen Sie sich vor: 15 Minuten. Ein rotes Punkt auf dem Boden der Bühne, um zu markieren, wo Sie stehen müssen. 300 Menschen im Publikum in Graz. Eine Botschaft, die so wichtig ist, dass Sie sich nicht leisten können, sie falsch zu vermitteln. Und ein Gehirn, das für Abschweifungen, für Gedankensalate und für „was ist denn da drüben?“ gebaut ist.
Dies ist die Geschichte von Julie Simstich’s TEDx Talk zum Thema „Neurodivergenz & Future Skills“ – ein sehr persönlicher Blick hinter die Kulissen auf das, was es bedeutet, mit ADHS eine der größten kommunikativen Herausforderungen anzunehmen. Nicht einfach zu sprechen, sondern eine Botschaft mit Kraft zu vermitteln. Diese Episode und dieser Artikel zerlegieren die Reise in ihre Akte und zeigen, was es mit echtem ADHS und echten Business-Herausforderungen bedeutet, auf der Bühne zu stehen.
Akt 1: Die Vorbereitung – Der Masterplan für ein ADHS-Gehirn
Die Vorbereitung ist die kritische Phase. Nicht die „ein paar Mal durchsprechen“-Vorbereitung, sondern ein systematischer Masterplan, der um die Neurobiologie des ADHS-Gehirns gebaut ist.
Der mentale Kampf: Das innere Kritiker-Narrativ
Der erste Gegner ist nicht das Publikum. Der erste Gegner ist der innere Kritiker – die Stimme, die sagt: „Du wirst es vermasseln. Du wirst steckenbleiben. Alle werden sehen, dass du nervös bist.“ Für Menschen mit ADHS ist dieser innere Kritiker oft doppelt so laut. 1
Julie’s Strategie war es, die innere Kritiker-Stimme nicht zu bekämpfen, sondern sie zu reframen. Die Kritiker-Stimme ist nicht ein Feind – sie ist ein Schutzmechanismus, der überaktiv ist. Statt gegen sie anzukämpfen, sagte Julie: „Ok, innerer Kritiker, ich höre dich. Du möchtest, dass ich gut bin. Danke. Jetzt werde ich dich in die Balance bringen.“ 1
Dies klingt esoterisch, aber die Neurowissenschaft stützt es. Eine Stimme zu akzeptieren, statt sie zu unterdrücken, reduziert die Aktivierungsenergie des Gehirns deutlich. Der Kampf ist teuer. Die Akzeptanz ist billiger.
Die Merktechniken: Von der neurotypischen zur ADHS-Methode
Ein klassischer Fehler bei der Vorbereitung auf einen Talk mit ADHS ist es, den Script auswendig zu lernen. Dies funktioniert nicht für ADHS-Gehirne. Auswendig gelernte Informationen erfordern das Arbeitsgedächtnis – genau der Bereich, in dem ADHS schwach ist. Unter Druck vergisst man alles. 1
Julie’s Ansatz war radikal anders. Statt Auswendiglernen: Struktur und Verbindungen. Sie erstellte einen detaillierten Outline mit den Kern-Ideen und den emotionalen Ankern für jeden Abschnitt. Die genauen Worte? Nicht wichtig. Die Kernidee? Kritisch.
Dies ist eine ADHS-freundliche Merktechnik, die sich „Verbindungs-Gedächtnis“ nennt. Das Gehirn merkt sich Verbindungen zwischen Ideen besser als genaue Wörter. Ein emotionaler Anker (z. B. „Das ist das Moment, wo das Publikum lacht“) hilft dem Gehirn, sich in dem Script zu orientieren, ohne alles auswendig zu wissen. 1
Ein weiteres Tool: Rehearsal unter realistischen Bedingungen. Julie rehearsed nicht nur zu Hause im Zimmer. Sie rehearsed auf einer Bühne, mit Projektor, mit Publikum (sogar nur Freunde). Der Körper muss die Situation kennen. Das ist nicht nervös sein – das ist Training. 1
Die Vorbereitung des Körpers: Mehr als nur Denken
Ein kritischer Aspekt, den Menschen übersehen: Der Körper braucht Vorbereitung. Ein ADHS-Gehirn unter Druck hat einen erhöhten Cortisol-Level. Der Körper ist angespannt. Julie’s Strategie war: 30 Minuten vor dem Talk bewegen.
Das kann sein: ein schneller Spaziergang, Treppen hochspringen, Tanzen, sogar aggressive Dehnungen. Das Ziel ist, den Cortisol-Spiegel zu regulieren und den Körper in einen zubereiteten, aber entspannten Zustand zu bringen. Dies ist nicht „Nervosität bekämpfen“ – das ist Physiologie managen. 1
Akt 2: Der Auftritt – Zwischen Hyperfokus und Lampenfieber
15 Minuten auf der Bühne. Der rote Punkt auf dem Boden. 300 Menschen. Die Realität ist weder so dramatisch wie in Filmen noch so einfach wie man sich vorstellt.
Die ersten 30 Sekunden: Der Hyperfokus-Eintritt
Interessanterweise beschreibt Julie, dass der Hyperfokus eintritt. Das ADHS-Symptom, das als „Problem“ bekannt ist, wurde zur Superpower. In einer hochstimulierenden, hochinteressanten Situation (sprechen vor Menschen mit etwas Wichtigem), aktiviert sich der Hyperfokus. 1
Die erste Minute war kein „nervöses Durcheinander“. Sie war fokussiert, präsent. Der innere Kritiker war leise. Die Gedanken waren klar. Dies ist die paradoxe Realität von ADHS unter extremem Druck – manchmal funktioniert es besser, nicht schlechter.
Die „Moments of Connection“: Sprechen statt Präsentieren
Julie beschreibt, dass der Talk nicht „perfekt“ war. Es gab Momente, wo sie langsamer wurde, um eine Idee einzulassen. Es gab Momente, wo sie das Publikum direkt ansah. Es gab Pausen – tatsächliche, stille Pausen – wo das Publikum mit ihr war. 1
Diese Momente waren nicht Fehler. Sie waren authentische Verbindung. Und paradoxerweise sind dies die Momente, die funktionieren. Menschen verbinden sich nicht mit perfekten Roboter-Präsentationen. Sie verbinden sich mit echten Menschen, die echte Botschaften teilen.
Für Menschen mit ADHS kann dies ein Hidden Advantage sein. Die Fähigkeit, spontan und authentisch zu sein, ist oft stärker als die Fähigkeit, perfekt durchzuführen. 1
Die „Rote-Punkt“-Strategie: Fokus Hack
Ein praktischer Hack, den Julie erwähnt: Der rote Punkt auf der Bühne. Dies war nicht nur eine Markierung – es war ein Fokus-Anker. Mit ADHS kann der Blick des Publikums ablenkend sein. Durch Fokus auf den roten Punkt („Wo stehe ich? Hier.“) konnte Julie ihren Kopf zentriert halten und ihre Blickrichtung stabilisieren. 1
Dies ist ein einfaches, aber geniales ADHS-Hack: Physische, visuelle Anker können helfen, das wandernde ADHS-Gehirn zu zentrieren, ohne dass es sich künstlich anfühlt.
Akt 3: Das Danach – Applaus, Leere und der Dopamin-Kater
Der Talk ist vorbei. Das Publikum steht und applaudiert. Julie kommt von der Bühne herunter. Und dann… nichts. Ein merkwürdiges Gefühl der Leere.
Das emotionale Loch: Der Dopamin-Kater
Dies ist etwas, das in Business-Kontexten selten erwähnt wird, aber für Menschen mit ADHS sehr real ist: der Dopamin-Kater. 1
Das Gehirn war auf Höchst-Erregung. Adrenalin pumpte. Dopamin stieg. Und dann: Ende. Der Körper kommt zu einem Halt. Der Dopaminspiegel fällt. Das Ergebnis ist ein tiefes, merkwürdiges Gefühl der Depression und Leere. 1
Julie beschreibt es: „Es war wie, der Applaus hört auf, und plötzlich bin ich leer. Nicht glücklich. Nicht erschöpft. Nur… leer. Und ein bisschen traurig.“ 1
Dies ist nicht Unglück über das Ergebnis (der Talk war erfolgreich). Dies ist Neurobiologie. Nach extremem Dopamin-Output braucht das Gehirn Zeit, um zu rebalancieren.
Wie man die Phase navigiert (und nicht vermasselt)
Dies ist kritisch, weil viele Menschen, die diesen „Dopamin-Kater“ nicht verstehen, in dieser Phase schlechte Entscheidungen treffen. Sie:
- Stürzen sich sofort in die nächste Aufgabe (versuchen, den Dopamin-High zu ersetzen)
- Überanalyze den Talk und werden selbstkritisch
- Essen oder trinken zu viel (externe Dopamin-Quellen suchen)
- Werden depressiv und zweifeln alles an, was sie gemacht haben
Julie’s Strategie war anders. Sie anerkannte die Leere und ließ sie sein. Sie ging mit Freunden aus (Gemeinschaft statt Leistung). Sie machte einfache, angenehme Dinge. Sie ließ dem Gehirn Zeit, sich zu rebalancieren. 1
Dies ist nicht „Selbstverwöhnung“. Dies ist neurobasierte Genesung. Mit dem dopaminergen System richtig umzugehen, bedeutet, manchmal absichtlich das Tempo zu drosseln.
Das längerfristige Learning: Die Biografie wird reinterpretiert
Tage später, als der Dopamin-Kater verflogen war, kam eine andere Emotion: Stolz. Nicht der oberflächliche „ich habe das geschafft“-Stolz, sondern ein tieferer: „Ich bin mit meinem ADHS auf diese Bühne gegangen, und ich habe es getan.“ 1
Dies ist ein wichtiges Punkt. Mit ADHS auf der Bühne zu stehen ist nicht einfach ein professioneller Meilenstein. Es ist auch ein persönlicher Sieg gegen die inneren Erzählungen, die dir sagen, dass du zu „kaputt“ für das bist.
Akt 4: Was die Business-Welt verstehen muss: Neuroinklusion & Future Skills
Jetzt zu dem Business-Teil, warum dieser Talk im ersten Ort stattfand: Neuroinklusion und Future Skills.
Die Botschaft: Warum Unternehmen krank sind
Julies Talk war keine Motivations-Rede über persönliche Überwindung. Es war ein direkter Business-Argument: Unternehmen verschwenden riesige Mengen von Future Skills, weil sie neurodiverse Talente nicht sehen oder nicht wissen, wie man sie nutzt.1
Future Skills – Kreativität, Flexibilität, schnelle Anpassung, Innovation – sind genau die Dinge, bei denen viele neurodivergente Menschen brillieren. Und doch werden diese Menschen in traditionellen Strukturen oft unsichtbar oder werden als „Problem“ wahrgenommen.
Das ist nicht ein Sozial-Justice-Argument (obwohl es das auch ist). Das ist ein Geschäftsargument. Die Unternehmen, die lernen, Neurodiversität zu nutzen, gewinnen einen strukturellen Wettbewerbsvorteil. 1
Neuroinklusion vs. Neurodiversity-Theater
Ein kritischer Punkt, den Julie macht: Es gibt einen großen Unterschied zwischen echte Neuroinklusion und Neurodiversity-Theater.
Theater ist: „Wir haben eine Neurodiversity-Initiative“ (aber nicht viel ändert sich). Echte Neuroinklusion ist: Wir haben strukturelle Veränderungen vorgenommen, um neurodiverse Talente zu enthüllen und zu nutzen. 1
| Aspekt | Neurodiversity-Theater | Echte Neuroinklusion |
|---|---|---|
| Haltung | „Das ist ein Trend“ | „Das ist strategisch“ |
| Struktur | Keine Veränderung | Fundamentale Anpassungen |
| Outcome | Oberflächliche Signale | Messbare Verbesserte Performance |
| Dauer | Temporal | Dauerhaft |
Der Future-Skills-Connection
Warum das relevant ist: Die Welt verändern sich schnell. Die Skills, die Unternehmen morgen brauchen – Kreativität, Anpassungsfähigkeit, schnelle Innovation – sind nicht die Skills, die traditionelle Organisationen mit ihren „Standard“-Mitarbeitern bekommen.
Aber sie sind oft die natürlichen Stärken von Menschen mit ADHS, Autismus und anderen neurodivergenten Profiles. 1
Unternehmen, die diese Verbindung machen – die sagen „Warte, wir haben diese Talente bereits in unserem Unternehmen, wir müssen sie nur sehen und richtig einsetzen“ – die gewinnen.
Praktische Takeaways: Für Speaker:innen, Organisationen und Menschen mit ADHS
Wenn Sie ein:e Speaker:in mit ADHS sind: 1
- Versuche nicht, wie ein neurotypischer Speaker zu sein. Nutze deine natürlichen Stärken (Authentizität, schnelle Anpassung, Hyperfokus unter Druck).
- Strukturiere deine Vorbereitung um Verbindungs-Gedächtnis, nicht Auswendiglernen.
- Akzeptiere den inneren Kritiker, anstatt gegen ihn zu kämpfen.
- Bereite deinen Körper vor, nicht nur deinen Geist.
- Erwarten Sie den Dopamin-Kater nach. Planen Sie für Recovery.
Wenn Sie eine Organisation sind, die Neuroinklusion ernsthafte nehmen möchte: 1
- Verstehen Sie, dass Neuroinklusion bedeutet, strukturelle Veränderungen vorzunehmen, nicht einfach neurodiverse Menschen zu „akzeptieren“.
- Erkenne, welche Future Skills dein Unternehmen braucht und welche neurodiverse Talente haben.
- Schaffe Strukturen, die diese Talente freilegen, nicht verbergen.
Fazit: Die Botschaft
Julie’s TEDx Talk war nicht perfekt. Es war nicht auch skript-getreu oder rhythmisch präzise. Es war authentisch, kraftvoll, und es vermittelte eine Botschaft, die die Welt braucht: Neuroinklusion ist nicht Mitgefühl. Es ist ein Business-Imperative.
Und die Reise, mit einem ADHS-Gehirn diese Botschaft zu vermitteln, war nicht einfach. Aber es war möglich. Nicht trotz dem ADHS, sondern oft wegen dem ADHS – die Authentizität, die Spontaneität, die tiefe Leidenschaft für die Botschaft.
Dies ist die Lehre, die weit über den einzelnen Talk hinausgeht: Mit der richtigen Umgebung, der richtigen Unterstützung und der richtigen Reframing von Stärken statt Defiziten können Menschen mit ADHS außergewöhnliche Dinge tun. Nicht trotz ihres Gehirns. Mit Hilfe ihres Gehirns.
Referenzen
[1] Jessica McCabe – This is What it’s Really Like to Live with ADHD